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eine umfassende Kenntnis des Balladenmaterials nöthig, wenn der ganze Reichthum der Art erkannt werden soll. Dass das Wesen der Ballade
selbst, von bedeutenden Asthetikern noch vielfach verkannt wird, zeigt
eine Außerung Bulthaupts. Er nennt in einem zu Mannheim gehaltenen Vortrage Bürger den„Majordomus,“ Schiller den„König der Ballade,“ während Goethe nur an den Stufen des Thrones Platz finden könne! Wir stellen zuerst die auf eine umfassende Betrachtung dieser Dichtungsart gegründete Erklärung an die Spitze und gehen dann auf
die fassbaren Unterschiede ein. Die Ballade ist jene, häufig als Kleinepik-
bezeichnete Dichtungsart, welche als Mischung des Handlungs- und Stim- mungsbildes und zwar in mannigfaltigen UÜbergängen vom bloßen An- satze bis zur vollen Darstellung eines abgeschlossenen Handlungsbildes in knappem Rahmen bald nach Art der Volksballade, aus der sie ur- sprünglich hervorgegangen, naturalistisch, bald in reicherer, idealschöner, aber immer concentrierter Entfaltung Gestalten und Charaktere nach mannigfachen Richtungen ihres ganzen Gemüthes und Geisteslebens, in ihrer Beziehung und im Conflicte mit der Außenwelt, mythischen We- sen, dem Menschen und dem Gesammtleben, in der Form gern in dra- matisch bewegter Weise und mit Anwendung sprachlich musikalischer Elemente künstlerisch darstellt. Die Rechtfertigung dieser Definition soll in dem Nachstehenden erfolgen. Bei Betrachtung der Eintheilungs- glieder wird sich am besten zeigen, ob diese Erklärung allen Gliedern gerecht wird*). Es wird eine Eintheilung dieser Gedichte vor allem von dem Unterschiede ausgehen müssen, ob die Ballade, die doch immer heutzutage Kunstpoesie, ein geadeltes Volkslied ist, die unversehrte Frische und Ursprünglichkeit des Volksgeistes besitzt, ob jene Tiefe der geistigen Anschauung, die alles Selbsterlebte hat, jene packende Wahr- heit, Einfalt und schlichte Gestalt eines echten Naturproductes in dem Gedichte lebt, oder ob die Kunstballade in der ganzen Anlage und Be- handlung wohl von dem Volksliede gelernt hat, aber die Einwirkung einer höheren Bildung, wie sie unsere Zeit besitzt, gegenüber der Nai- vität der volksthümlichen Ballade sofort erkennen lässt. Die volksthüm- liche Ballade ist es vor allem die der historischen Entstehung nach diesen Namen für sich in Anspruch nimmt. Ibr bleibt vom Volksliede „die Vergessenheit der Welt, das melancholische Versenken in die Ab- gründe des Gefühles, die naiven Lücken und Gedankensprünge,“ die Knappheit in der Behandlung, wie Goethe in seinen Gesprächen mit
Dichtungen geschaffen, die leider viel zu wenig bekannt sind und in modernen Gedichtsamm-
lungen wahre Perlen durch ihre edle Form und mächtige Kraft bilden würden. Sie gehören zu dem Besten, was auf dem Gebiete der Ballade gedichtet worden ist. Ebenso K. v. Fircks (Baltisches Dichterbuch)„Der Burgherr“.—
*) Wenn Dr. J. Knieschek„Uber den deutschen Unterricht in der Quinta“(Progr. 1891 Reichenberg) über den Kummer so vieler Lehrer und Poetik-Verfasser, wie man denn doch eigentlich Ballade und Romanze unterscheiden könne, spottet und meint, die Be- schäfttigung mit dieser Art der Poetik diene nicht zur Bildung des Geschmackes, so we- nig als sich der Geschmack offenbart in der Fähighkeit, ein Werk unter eine bestimmte Gattung unterzuordnen, das sei eine rein logische Ubung, so muss doch bemerkt werden: Allerdings ist dies eine logische Ubung. Aber eine solche beschränkt sich doch nicht auf rein verstandesmäßige Begriffe und Urtheile, sondern auch auf Geschmacksurtheile, sonst würde jeder tiefere Einblick in das Wesen des Schönen unmöxglich bleiben, und es würden nur unklare Gefühlserregungen, freilich von kräftiger Wirkung, nach Gestaltung ringen, und Lessings Arbeit würde auch eine„logische Ubung“ gewesen sein.


