Zur Poetik der Ballade.
III.
Die vielfachen Wandlungen, die diese Dichtungsart durchgemacht in welcher von der simpeln Erzählung bis zur nervenaufregenden Schauer- mär, von andeutenden, alles errathen lassenden„sprüngen und würfen“ bis zur breit geschwätzigen und ausmalenden Darstellung, von anekdo- tenhaften und ironischen Geschichten*) bis zu dramatisch-lebendigen, verschiedene Weltlagen spiegelnden Gedichten, alles Platz zu haben schien, lassen, wie gesagt, diese schwer charakterisieren, noch schwerer in eine allgemeine Definition zusammendrängen. Haben ja die neuen Dichter selbst den Namen Ballade auf Gedichte episch-lyrischer Färbung übertragen, die nach Umfang, Inhalt und Charakter mit der ursprünglichen Ballade nichts zu thun haben. Die Dichter selbst, de- nen man ein Recht auf die Benennung ihrer Erzeugnisse doch nicht wird absprechen können. haben die Gewinnung endgiltiger Resultate, die Unterscheidung der beiden Dichtungsformen betreffend, vereitelt. Sie traten in der Bezeichnung ihrer derartigen Dichtungen entweder geradezu in Gegensatz mit den Festsetzungen der Asthetiker, oder sie stellten ihre Dichtungen, unbekümmert um die theoretisch entwickelten Unter- schiede, unterschiedlos nebeneinander.**)
Selbst unsere größten Balladensammlungen bieten häufig nur solche Balladen, die bekannt sind. Leider verbergen sich oft herrliche Balladen in Gedichtsammlungen und kommen nicht zu der Offentlichkeitz die sie ihrem Phantasiereichthum und ihrer Kraft nach verdienen***). Hier ist
*) Ich erwähne hier noch die interessante Schrift v. C. C. Hirschfeld, Leipzig 1774 „Romanzen der Deutschen. Mit einigen Anmerkungen über die Romanze.“
***) Vgl. C. Richter, Poetik S. 129. So nennt z. B. Michael Beer seine derartigen Ge- dichte mit Recht„erzühlende Gedichte“(„Der fromme Rabbi,“„Die Teufelsbrücke,“ „Des Kaisers Traum“,„Kaiser Karls Wanderung,“) hingegen das Gedicht„Sacrilegium“ nennt er Ballade. Die Behandlung ist viel zu breit trotz des balladenartigen Stoffes.
***½) Man vgl. den Abschnitt„Orient“ in J. Köhlers„Lyrischen Gedichten und Bal laden.“ Gelbcke, der deutsche Dichter in Russland, hat in seinen Balladen und Romanzen: „Die ewige Lampe,“„Nacht,“„Poseidon,“„Die Schenke“ und„Die Untreue“ meisterhafte


