Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 2. Teil
Entstehung
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Bürger zuvorthun wird.*) Wenn sich Schiller(Briefwechsel mit Goethe) am Zzweiten Mai 1791 von Goethe den Text zumDon Juan ausbittet, um daraus eine Ballade zu machen, so zeigt sich in diesem unausgeführten Gedanken, von dem K. Hoffmeister bemerkt, dass es im Briefwechsel das erste Wort zu der Idee der Balladendichtung der beiden Dichter sei, dass Schiller das Eigenartige der Volksballade vollständig kannte.

Willibald AlexisUber Balladenpoësie(Hermes 1824 N. XXI. S. 1) hat über Balladen eine bemerkenswerte Ansicht geäußert:Die Lyrik ist die erste Form, bald reicht ihr das Epische die Hand, aber es dauerte nicht lange, so trat das letztere schon kräftig und vorherrschend- auf. Das Lied, welches eine That erzählte oder einzelne Bilder der als be- kannt vorausgesetzten That abrissweise aufführte, wurde das, was wir Ballade nennen. Die Ballade steht zwischen dem freien Lied und dem Epos mitten inne, sie ist mit beiden nahe verwandt, indem sie die Tochter des Liedes war und die Mutter des Epos ward.

Uhland, der sich theoretisch eingehend mit der Ballade beschäftigt hat, sagt:Die Fragen, auf welche sich die verschiedenen Erörterungen über Ursprung und Wesen der Ballade oder Romanze(Uhland trennt sie nicht) zurückführen lassen, sind folgende(Uhland, Holland. S. 62.):

1. Wie verhält sich diese Dichtart zu den anerkannten Grund- formen der Poësie.

2. Wie hat sie sich historisch oder genetisch gebildet.

1 3. Welche allgemeinere, nicht bloß historische Giltigkeit kommt ihr zu.**).

Uhland steht auf Goethes Seite.Wie die drei Grundformen, die Goethe noch im ältern griechischen Prauerspiel alle drei verbunden sieht, so können wir die Grundformen auch nach der Seite ihrer Einigung verfolgen. A. W. Schlegel hat freilich behauptet, wenn die Balladen und Romanzen episch-lyrische Gedichte von Bürger benannt werden, so sei dies Stück Theorie wohlfeil zu haben; die Vereinigung dieser Kunst- worteepisch-lyrisch soll wohl nichts weiter bedeuten, als dass in der Romanze etwas erzählt wird und dass sie auch gesungen werden kann. Es hindert uns nichts, sagt Uhland,eine Dichtart anzunehmen, in der lyrische Empfindung, epische Anschaulichkeit und dramatische Hand- lung verbunden sind, und diese Annahme verwirklicht sich in den Er- scheinungen der Balladendichtung. Doch ist Uhland weder mit Rosen- kranz einverstanden, der die dramatische Form gänzlich übergeht, noch mit W. Alexis, der in ihr die Vollendung der Ballade sieht; mit Rosen- kranz nicht, weil sich die Thatsache dawider erklärt, mit Alexis ebenso- wenig, weil dadurch die früher angenommene Einigung wieder aufgelöst würde; es hängt also vom besonderen Goegenstand und vom einzelnen Moment der Darstellung ab, welche der drei Formen am zweckmäßig-

*) Vgl. den Abschnitt bei Kuno FischerSchiller als Philosoph. Schillers Streit mit Bürger über seine entschiedene Abwendung von einer Richtung, die heute realistisch oder naturalistisch genannt wird; Schiller sah darin eine Entweihung der Kunst. Kuno Fischer hat zweifellos nachgewiesen, dass die beiden Aufsätze Schillers über Bürger und über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst innerlich zusammenhängen. Er vermisste an Bürgers Poësie die Kunst, seine Empfindungen zu erhöhen, zu veredeln, zu idealisieren. Die Gemeinheit ihrer Form war es, die ihn abstieß. Darin liegt auch der große Unterschied der Schillerschen und Bürgerschen Balladenart begründet.

**) Vgl. W. L. Holland: Zu L. Uhlands Gedächtnisse, Mittheilungen aus seiner akademischen Lehrthätigkeit. 3*