6
wek(Geschichte der Künste und Wissenschaften XI. B.) sagt:„Die naive Tändelei, die dem feierlichen Schiller an Bürgers Liedern missfiel, gehört zum Wesen der Ballade.“ Eine wahrhaft grundlegende Anschauung geht erst von Goethe aus. Mit sicherer, genialer Intuition hat er zuerst diese Art erfasst. Goethes“*) geistvolle, das Wesen der Ballade immer sehr tref- fend bezeichnende Bemerkungen hatten keinen definierenden Zweck; seine Eintheilung ist durchaus brauchbar und fruchtbar in der Anwen- dung. Er sagt S. 113**):„Das lebhaft poëtische Anschauen eines beschränkten Zustandes erhebt ein Einzelnes zum zwar begrenzten, doch unbe- schränkten All, so dass wir im kleinen Raum die ganze Welt zu sehen glauben.“„Wir können,“ sagt er weiter,„jedoch unsere Vorliebe für die- jenige Ballade nicht bergen, wo lyrische, epische, dramatische Behand- lung dergdèstalt in einander geflossen ist, dass sich erst ein Räthsel auf- baut und sodann mehr oder weniger und, wenn man will, epigrammatisch auflöst: Dein Schwert eto. wie ist's vom Blut so roth! Das Wehen und Weben des Räthselhaften soll lebhaft zu fühlen sein:„Rasch und knapp“ nennt Goethe den Gang der Ballade,„bedeutend, seltsam; ein ahnungs- voller Zustand, der Drang einer tiefen Auffassung fordert Lakonismus.“ Goethe spricht von der tiefen, wunderlichen deutschen Balladenart. Er sagt bei der Besprechung von F. W. Zachariae's Romanzen„Die schöne Melusine“ und„Die untreue Braut“(Werke B. 28 S. 26):„Allerdings wäre in den Märlein und Liedern, die unter Handwerksburschen, Sol- daten und Mägden herumgehen, oft eine neue Melodie, oft der wahre Romanzenton zu holen. Denn die Verfasser dieser Lieder und Märlein schrieben doch wenigstens nicht für das Publikum, und so ist schon zehn gegen eins zu wetten, dass sie weit weniger verunglücken müssen als unsere neueren zierlichen Versuche. Meistens ist's ein munterer Geselle, der den andern vorsingt oder den Reigen anführt, und also ist wenig- stens die Munterkeit keine Prätension und Affectation.“
„Der Ballade kommt eine mysteriöse Behandlung zu, durch welche das Gemúth und die Phantasie in eine ahnungsvolle Stimmung versetzt wird.“ Er sagt über die Ballade vom vertriebenen und zurück- kehrenden Grafen:„Die Ballade hat genug Mysteriöses, ohne mystisch zu sein. Diese letzte Eigenschaft eines Gedichtes liegt im Stoff, jene in der Behandlung. Das Geheimnisvolle der Ballade entspringt aus der Vortragsweise. Der Sänger nämlich hat seinen prägnanten Gegenstand, seine Figuren, deren Thaten und Bewegung so tief im Sinne, dass er nicht weiß, wie er ihn ans Tageslicht fördern will. Er bedient sich da- her aller drei Grundarten der Poésie, um zunächst auszudrücken, was die Einbildungskraft erregen, den Geist beschäftigen soll; er kann lyrisch, episch, dramatisch beginnen und, nach Belieben die Formen wechselnd, fortfahren, zum Ende hineilen oder es weit hinausschieben. Der Refrain, das Wiederkehren desselben Schlussklanges gibt dieser Dichtart den ent- schiedenen lyrischen Charakter. Hat man sich mit ihr vollkommen be- freundet, wie es bei uns Deutschen wohl der Fall ist, so sind die Balla- den aller Völker verständlich, weil die Geister in gewissen Zeitaltern entweder contemporär oder successiv bei gleichem Geschäft immer gleich- artig verfahren.“ Diese Stelle zeigt, wie Goethe die Poëtik schon so gefasst hat, wie es Scherer in seinen Vorlesungen vorschwebt. Goethe
*) Val. die Besprechung span. Balladen und Goethes Werke. Cotta. B. 26. S. 559. **) B. 26. 11.


