Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 2. Teil
Entstehung
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den dieser vielgestaltigen Art aus unvollkommenen Anfängen zu verfol- gen, hat einen gewissen Wert; es liegt besonders bei der Ballade nahe, Feren Entwicklung verhältnismäßig leicht zu verfolgen war. A. Böckh spricht von einer Gattungskritik und meint damit, diese solle untersuchen, ob das Werk seiner Kunstregel angemessen ist oder nicht. Auch bei der Ballade muss diese Kunstregel hergeleitet werden aus dem Charakter der ganzen Art und muss durch Vergleichung der vielen Gruppen von verschiedenem Charakter gewonnen werden. Die vorausgegangene histo- rische Darstellung hat bereits an der Hand der Dichtungen das eigent- liche Grundwesen der Ballade zu erläutern gesucht. Eine Durchprüfung der vorhandenen Theorien wird die Grundlagen bieten, die Unterschiede in der Art selbst zu kennzeichnen, und eine Eintheilung ermöglichen, die den Charakter dieser Art festhaltend, bei allen Wandlungen ihn wieder erkennen lässt. Wie Herder die Ode einen Proteus der Nationen nennt, so kann dieses Bild auch auf die Ballade angewendet werden. Wie Herder mit sicherem Blick eine Ode des Affects und eine Ode der Handlung unterschieden haben will, so wird der Unterschied des Hand- lungs- und Stimmungsbildes und die UÜbergänge vom Stimmungs- zum Handlungsbild in ihren mannigfaltigen Gestaltungen den Schlüssel bieten, um jeder Art dieser Dichtung nahe zu treten und sie zu kennzeichnen.

Es gibt allerdings eine Grenze fürs Schematisieren, und es hat gar keinen Sinn, mit feinen Unterscheidungen zu kommen, die sogleich wieder neue Unterschiede erzeugen. Je mehr die Spaltung der Arten stattfindet, desto äußerlicher werden die Merkzeichen. Aber darüber muss man ins Klare kommen, wohin die, um ein Bild aus der Naturge- schichte zu gebrauchen, guten Arten gehören, ob überhaupt der Unter- schied gerechtfertigt ist, der mit der Ballade und Romanze bezeichnet wird. Dieser letztere Punkt hängt so innig mit der Entwicklung der ganzen Art zusammen, dass er seine nebensächliche Bedeutung dadurch verliert und von Wichtigkeit wird, weil gerade auf diese beiden histo- rischen Namen hin die ganze Eintheilung unrichtigerweise gegründet wurde, während ganz andere, aus dem Wesen der Sache fließende Grund- lagen nicht ins Auge gefasst wurden.

Was uns die Schule gelehrt, braucht keineswegs alles aufgegeben zu werden, aber es muss sich die Probe gefallen lassen.(Bulthaupt S. 232, deutsche Rundschau 1885. 2. Heft.)Nicht die Botanik schafft die Pflanzen, sondern die Pflanzen die Botanik. Wir haben uns durch die Hegelische Asthetik Regeln aufoctroyieren lassen, die es erst zu suchen gilt. Wie mächtig aber gerade bei, der Kennzeichnung dieser Dichtungsart der Einfluss der Hegelischen Asthetik war, das wird das Nachfolgende ausreichend zeigen.

Im ersten Theile wurde bereits darauf hingewiesen, wie Herder, Bürger und andere über diese Art sich ausgesprochen haben. Wieland spricht im Merkur 1775 2, S. 177 von der Romanze als einer nochun- therotisierten Gattung; sie kann alle Tonarten annehmen, sie kann vom Costüme den Namen Ritter-, Schäfer-, Götterromanze bekommen. Eberhard Asth. IV. 237 erklärt, die Romanze sei eine lyrische Erzählung, die aus zwei Hauptelementen bestehe, einem epischen und lyrischen. Dieses gibt ihr den Ton, jenesbestimmt die Bewegung ihres Schwunges. Sie kann durchgeführte Reime haben, aber auch reimlos sein. Die Ballade muss übereinstimmende Strophen haben, meint Ch. F. Meyer in seinem Hand- wörterbuch deutscher sinnverwandter Ausdrücke S. 75, und an diese Er- klärung hat sich noch manche neuere Poëtik gehalten. Noch Bouter-