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Der hohe sittliche Ernst der Schillerischen Ballade, das redneri- sche und edle Pathos, der kunstvolle dramatische Aufbau, die kräftig durchleuchtende Grundidee, die mit echt dichterischer Intuition gefun- dene glückliche Wahl des Stoffes schien die Schillerische Richtung der Ballade, die das volksthümliche Element nicht aufnahm, in den Vorder- grund zu tragen; es war dies ein Rückschlag, aber ein solcher, der nur wieder die volle Kraft des echten Dichtergenies zeigte, das, wo es neue Pfade geht, auch hier mustergiltig wird. Es war Gefahr vorhanden, dass diese Richtung der Ballade siegreich durchdringe, wo ein großer Dichter so herrliche Bilder hingestellt, wenn nicht die Nachwirkung Goethes und die emporkommende romantische Richtung sich wieder der volksthümlichen Weise eugeuendet hätte. Aus diesen, auf einander Einfluss nehmenden, sich
bei einem und demselben LDichter kreueenden Elementen ist die moderne Ballade hervorgegangen, die die alten echten Elemente aufgehoben, bewwahrt und kunstmäßig geläutert hat.*)
*) Hermann Baumgart„Handbuch der Poötik“ behandelt die Schillerischen Balladen abschätzig, weil er die Berechtigung des dramatischen Elementes verkennt. Dies hat ihm schon Felix Dahn zum Vorwurf gemacht. Baumgart will nur die epische Ballade und die lyrische Romanze gelten lassen. Er sagt:„Wo die moderne deutsche Dichtung es unternommen hat, antike Stoffe balladenmäßig zu behandeln, kann dieser Versuch nicht
als geglückt angesehen werden. Schillers Genius hat es nicht vermocht, die widerstre- benden Stoffe in ihrem innersten Wesen so völlig umzugestalten; es sind lediglich epische Erzühlungen; was die Ballade macht, die Sangesweise, die einzig und allein den Lied- charakter constituirende lyrisch-epische Tendenz, fehlt ihnen.“
Baumgart beruft sich auf Goethes Wort über die Ballade, das den entschieden lyrischen Charakter der Ballade hervorhebe; ebenso bezeichne er das, was Baumgart Ethos des Stoffes genannt, damit, dass der Sänger seinen prägnanten Gegenstand, seine Figuren, deren Thaten und Bewegung so tief im Sinne habe, dass er nicht weiß, wie er ihn ans Tageslicht fördern soll. Derlei Vorwürfe sind von verschiedener Seite nicht nur gegen Schiller, auch gegen Uhland erhoben worden; es ist unmöglich bei einer so kräftig spros- senden Dichtungsart mit construierten oder historisch abgeleiteten Begriffen auszukommen. Die Eigenart des Dichters lässt sich nicht festbannen. Schon Herder hat sich gegen ein- zelne dieser Gedichte von Goethe ausgesprochen, die eine andere Richtung nehmen, aber vergebens. Adalbert Schroeter erwartet von einer innern gründlichen Einkehr in das We- sen unserer alten Volkslieder das Heil der deutschen Ballade der Zukunft und meint, wenn Herders Fingerzeige aufmerksamer befolgt worden wären, so wäre man vor der Verstiegenheit(!) der Schillerschen Ballade vielleicht verschont geblieben, vielleicht auch vor Uhlands Theater-Ritterthum(!). Die heutige Ballade rieche zu sehr nach der Stuben- luft. Man kann darauf nur erwidern, dass diese Einkehr längst geschehen ist, dass die Herabsetzung der Leistungen Schillers und Uhlands auf einer ganz einseitigen Anschau- ung beruht, und dass die Zukunft der deutschen Ballade sich nicht nach dem Maße einer subjectiven Meinung richten wird. Die Ballade hat diesen Entwicklungsgang nicht zu ihrem Schaden gemacht und ist ohne die Thätigkeit Schillers und Uhlands in ihrem um- fassenden Wesen gar nicht zu denken. Gegenüber der Ausbreitung der Ballade nach Stoff und Behandlung kann bei einer so beweglichen Art des episch-lyrischen Gedichtes schon vom historischen Standpunkt nicht einseitig auf die alte Volksballade zurückgegangen werden, so wünschenswert es auch sein mag, dass der moderne Dichter von ihr lerne. Von der Gleimischen und der Bänkelsängerballade zu jener Ballade, die in dem Geist der alten Volksballade empfunden von den vollen Mitteln der Kunst und des volksmäßigen Gesanges Gebrauch macht, ist ein weiter Weg, der aber immer wieder eingeschlagen wurde. Von diesem Weg abweichend, hat aber die Ballade nicht zu ihrem Schaden in Stoff und Form neue Pfade betreten, die sich der Dichter nicht durch ein kritisches Macht- gebot verschließen lässt. Hierbei handelt es sich doch immer nur um den Namen„Ballade,“ der auch Gedichten zugetheilt wurde, welche bei voller Schönheit nicht Balladen im en- geren Sinn genannt werden müssen. Möge man immerhin entgegen der historischen Ent- wicklung solche Gedichte von dem ziemlich engen Kreis der„echten Ballade“ ausschließen, deswegen bleibt doch ihr Kunstwert unantastbar, und von einer„Verstiegenheit“ kann nicht die Rede sein. Adolf Ebert hat in seiner Schrift„UÜber die Entwicklungsgeschichte der französischen Tragödie 1856“ in der Vorrede, wo er von dem streng historischen


