22
Durch Schiller kam ein neuer Ton in diese Dichtung. Eigentlich verstand Schiller unter Romanze ein romantisches Gedicht, er sprach als romantisch alles an, was mit dem Wunderglauben, dem Ritter- und Mönchswesen des Mittelalters zusammenhieng. Daher nennt er von sei- nen Gedichten nur den„Kampf mit dem Drachen“ eine Romanze, die „Jungfrau von Orleans“ eine romantische Tragödie. Nach Schillers Vor- gang wurden nun auch solche poëtische Darstellungen, wie der„Ring des Polykrates“ und die„Kraniche des Ibykus“ Balladen genannt.*)
Goethes Größe in der Ballade zeigt sich im Colorit und in der Stimmung. Er lässt die verborgenen Geheimnisse des Seelenlebens an- klingen. Schiller versetzt uns in diesen Dichtungen in die Welt des Willens und erhebt uns durch den pathetischen Ausdruck der Gesinnung. Die Naturstimmung, die bei Goethe ein Spiegelbild der menschlichen Vorgänge ist, war Schiller fremd, gerade dadurch aber gestalteten sich seine Balladen zu dramatischen Compositionen, und die Reflexion wägt alle Mittel der Wirkung und Steigerung mit tiefer Einsicht ab, da nicht die Stimmung, sondern die Idee das Ganze gliedert. Schiller schreibt an Körner in Bezug auf die„Bürgschaft“ und den„Kampf mit dem Dra- chen:“ diese Gattung werde ihm leicht, weil er sich darüber klar sei; auch werde er finden, dass er sie mit ganzer Besonnenheit gedacht und organisiert habe. Die vier Balladen:„der Taucher,“ der„Kampf mit dem Drachen,“ der„Ring des Polykrates,“ der„Handschuh“ sind in ihrem Aufbau durchaus dramatisch, besonders der„Taucher“ ist in dieser Be- ziehung ein Drama, was die Steigerung, Peripetie und Lösung betrifft, und„Kassandra,“ das„Siegesfest“ sind dem Gehalte nach tragisch; fehlt hier das geheimnisvolle Zusammenklingen von Natur und Gemüth, das den Balladen Goethes jenen wunderbaren Zauber verleiht, so ist es hier wieder die hohe Kraft der sittlichen Ideen, die aber in wahrhafter Poésie nicht moralisch, sondern ästhetisch wirken.**)
In- und Auslandes N. 16, 17. 1889. Uber Goethes Ballade„Die Braut von Koriuth“ be- merkt Düntzer:„Je tiefer wir in diese ganz eigenthümliche Dichtung eindringen, um so mehr erregt sie-unsere Bewunderung. Sie ist unter den Balladen, was„Faust“ unter den Dramen.“ Vgl. hiemit Carrieres Worte:„Vielleicht zeigt sich die Macht und der Wert künstlerischer Behandlung nirgends bedeutender als in der Ballade:„Die Braut von Ko- rinth,“ die den Stoff einer absurden oder doch gewöhnlichen Gespenstergeschichte so zum Träger eines historischen Gedankens vertieft und in einer stilvollen Darstellung adelt.“ Schiller sagt über die Ballade„Der Gott und die Bajadere“:„im Grunde sei es nur ein Spass von Goethe gewesen.“ Dies beruht, wie Goedeke meint, auf einer mündlichen Be- merkung Goethes, der wohl etwas zum Spassmachen machte, wovon die Ausleger und Theo- retiker mit strengem Ernst ihre Lehrsätze über Ballade und Romanze und Erzühlung ab- strahierten.
*) Die ersten Balladen aus dem Jahre 1797 sind episch, die aus dem zweiten Lustrum sind Romanzen im Sinne von mehr lyrischen Dichtungen. Treffend hat K. Hoff- meister nachgewiesen, dass der jedesmalige große dramatische Strom alle episch-lyrischen Bäche an sich zog.
**) J. Brock sucht in seiner Abhandlung„Die Grundgedanken der Romanzen Schil- lers“ nachzuweisen, dass es Schiller in seinen Romanzen gelungen sei, sein philosophisch- ästhetisches System in eine, die Einbildungskraft fesselnde Form einzukleiden. Er sucht die Romanzen aus Schillers gesammter Geistesrichtung zu erklären. So sehr man sich gegen das Aufsuchen einer Grundidee bei dem Dichter im allgemeinen verwahren mag, weil das schöne Bild die Hauptsache bleibt, nicht die zugrunde liegenden Ideen, deren je- der eine andere findet, so kann man gerade bei Schiller eine Ausnahme zugestehen. Er sagt:„Noch jetzt begegnet es mir häufig, dass die Einbildungskraft meine Abstractionen und der kalte Verstand meine Dichtung stört. Kann ich dieser beiden Kräfte insoweit Meister werden, dass ich einer jeden durch meine Freiheit die Grenzen bestimmen kann, so erwartet mich noch ein schönes Los.“


