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dichtet. Es finden sich einzelne Stücke, wie z. B.„Heideröslein,“ die wirkliche Volkslieder sind und in den ersten Ausgaben auch als solche bezeichnet werden, er hat sie nur etwas in der Sprache verbessert, aber wenn er in seinen eigenen Gedichten hier und da eine Volksballade be- nützt, hat er dieselbe sogleich auf die Höhe der Kunstpoësie erhoben. Erst mit den Romantikern begann das kindische Stammeln und Lallen im Volksliede.“*)
Goethe nannte 1799 bei der Herausgabe seiner neuesten Gedichte diese Abtheilung„Balladen und Romanzen;“ auch in der zweiten Aus- gabe der Gedichte bediente er sich dieser Uberschrift, in der dritten setzte er einfach„Balladen.“ Es ist hier nicht der Ort, auf Goethes Balladen im einzelnen einzugehen. Dass er in seinem Zusammenwirken mit Schiller die meisten dieser Gedichte verfasste, ist bekannt, ohne dieses Zusammen- treffen mit Schiller und seine Mitarbeiterschaft bei den Horen und dem Musenalmanach wären, wie Goethe selbst sagt, die sämmtlichen Balladen und Lieder, wie sie die Musenalmanache geben, nicht verfasst worden. Die späteren Balladen Goethes sind nicht mehr sangbar, schöpfen nicht mehr aus der Volkssage, sondern aus griechischer und indischer Quelle.**)
*) Vgl. Stephan Watzoldt, zwei Goethevorträge„Goethe und die Romantik;“ er weist eingehend nach, dass das Gesunde der Romantik schon in den siebziger Jahren bei Goethe erscheint, der Zug ins Ferne und die Heimkehr ins Eigene.
*)-) In Goethes Balladen lassen sich die drei Epochen seiner Entwicklung leicht unterscheiden. W. Scherer nennt diese Epochen die naturalistische, ideale und typisch realistische.
In seiner trefflichen Charakteristik von Goethes Balladen sagt Scherer S. 577, 578: „Es ist klar, dass die Goethesche Ballade durchaus nicht so einseitig war, wie sie von den Hegelschen Asthetikern hingestellt wurde. Einzelne Balladen bleiben ganz in der mensch- lichen Sphäre, sie sind ernst oder humoristisch, nicht immer eigentliche Erzählungen, sondern auch wohl nur bedeutungsvolle Scenen. Hinwiederum enthalten andere Gedichte, welche Goethe als Balladen bezeichnet, nur Monologe in bestimmter Situation von be- stimmten Figuren, wie Mignon oder der Rattenfänger gesprochen.“
Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, behauptet irrthümlich, dass die Balladen Schillers und Goethes die Frucht der durch F. A. Wolf geweckten Homerischen Frage seien, da diese sich recht eigentlich als das moderne, echt volksthümliche Gegen- stück der antiken Rhapsodie darstellen. Zu der Balladenform wurde Goethe bekanntlich erst durch die Erzühlung Lucians vom Zauberlehrling gebracht, und die Beschäftigung damit führte zur genauen Betrachtung des Wesens dieser Dichtungsform, die sich aber bei Goethe gleich in die Praxis umsetzt. Ebenso nennt Hettner irrig die erste Anregung zur Balladendichtung als von Schiller ausgegangen und meint, dass in der künstlerischen Auf- fassung und Behandlung der Balladendichtung diese Einwirkung überwiegend gewesen sei, dass sich Goethes ruhige Sicherheit durch einseitige Theorie habe beirren und beeinflussen lassen. Dies ist nicht richtig, beide Dichter giengen hier ihre eigenen Wege, und Goethe versuchte diese Form in den mannigfachsten Stoffen. Goethe wollte, wie aus dem Brief- wechsel zwischen Schiller und Goethe hervorgeht,„Hero und Leander“ selbst bearbeiten, wie den„Ibykus.“(2. Ausgabe. Brief Nr. 164).„Auf Hero und Leander habe ich große Hoffnung, wenn mir nur der Schatz nicht wieder versinkt.“ Vgl. auch Cholevius, Geschichte der deutschen Poësie nach ihren antiken Elementen.
Denselben Irrthum theilt Dr. Max Beheim in seinem Aufsatz„Homer in der deut- schen Litteratur“(Preussische Jahrbücher 1890 Heft 6, S. 620.) Er sagt:„Von großer Be- deutung für die Entwicklung der deutschen Ballade war die Erscheinung der Voß'schen ibersetzung Homers 1781 der Odyssee, 1793 der Iliade. Der Homerische Einfluss auf die deutsche Dichtung verschwand seitdem nicht mehr; Wolff's Untersuchungen zu Homer regten Schiller und Goethe dazu an, dem deutschen Volke moderne Rhapsodien zu geben. Diese Balladen und Romanzen, die Schillerischen mit ihren tiefen sittlichen Ideen, die Goetheschen mit ihrer durchbrechenden Elementargewalt gehören zu dem herrlichsten und volksthümlichsten, was die deutsche Poësie hervorgezaubert hat. Wie Odysseus verbirgt Rudolf von Habsburg die Thränen im Mantel, als der Sünger seine eigenen Thaten ge- sungen hat.“ Den Einfluss Homers auf Goethes und Schillers Dichtungen, soweit dies ein allgemeiner war, wird übrigens niemand bestreiten. Vgl. Düntzer, Magazin f. d. d. Lit. d.


