Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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künstlerische Wirkung, nicht die sittlich poëtische Wirkung, nicht die Dichtung zum Frommen derer, die es hören, war Goethe die Hauptsache. Die Balladen der ersten Epoche sind sangbar und aus dem Reich der Volkssage. Gerade die Sangbarkeit der ersten Balladen,die musikalische Innigkeit unterscheidet sie von den breiten Ergüssen und poëtischen Erzählungen, die seine Zeitgenossen auch als Balladen gelten lassen woll- ten. Goethe weist den didaktischen Zweck als ein altes Vorurtheil zurück; die wahre Darstellung hat keinen, sie billigt nicht, sie tadelt nicht, sie entwickelt die Gesinnungen und Handlungen in ihrer Folge, und dadurch erleuchtet und belehrt sie.

Friedrich Schlegel charakterisiert im X. Bande S. 163(bei der Kritik von Goethes, Bürgers und Stolbergs Balladen) diese folgendermaßen:Bür- ger hat trotz der Einseitigkeit seines Sinnes und der Ubertriebenheit seiner Behandlungsart große unleugbare Verdienste um das Volkslied, dessen Tiefe zu erforschen er redlich bestrebt war. Stolbergs Romanzen sind leichter, geflügelter und darstellender, besonders zeichnen sie sich durch ritterlichen Adel aus; Goethe aber behauptet wohl vor allen den Vor- zug der Mannigfaltigkeit und der Tiefe. Einen magischen Reiz gibt seinen Liedern das Abgerissene, Geheimnisvolle, Räthselhafte des Ge- dankens oder der Geschichte bei der vollkommensten äußeren Klarheit. Ja wenn die Frage davon ist, ob eine Nation mitten unter allen prosaischen Verhältnissen und Beschränkungen der jetzigen Zeit doch noch eine Erinnerung von Poësie besitze, so wird es vorzüglich darauf ankommen, ob sie einen reichen Vorrath, einen zureichenden Cyklus sol- cher Lieder besitze. Dem König von Thule, dem Sänger, dem Fischer und nächstdem dem Erlkönig, würden wir den Preis zuerkennen.*)

Das Verhältnis Goethes zur Volkspoësie haben Max Freiherr von Waldberg in seiner AbhandlungGoethe und das Volkslied und A. Graf von Schack trefflich beleuchtet. Waldberg weist nach, ²0 Goethe sich in der Auffassung des Volksliedes von seinem Freunde Herder trennt, wie er dies thut, wie sich in ihm selbst der Begriff der Volkspoësie im Laufe der Jahre läutert, er weist ferner nach, von welcher Bedeutung die Kenntnis der Volkspoësie für Goethes eigene Kunstdichtung geworden ist. Herder blieb bei der Ansicht stehen, das wahre Kriterium der Volks- poësie sei Originalität im Gegensatze zur Nach- und Anempfindung der Kunstpoésie. Goethe aber sagt, der eigenthümliche Wert der Volkspoësie ist der, dass ihre Motive unmittelbar aus der Natur genommen sind, die gebildeten Künstler schieben aber der Natur die Idee unter. Jeder echte Dichter muss, wenn er ins volle Leben hineinzugreifen weiß, ein Volks- dichter sein. Die Volkspoésie war im Aussterben begriffen, das Volkslied war eine Poësie fürs Ohr, eine Dichtung zum Singen. Es galt nun eine Volkspoësie fürs Auge zu schaffen, die Poësie, die im Lesen die künstle- rischen Bedürfnisse befriedigt, und da trat Goethe ein. Waldberg stellt alle jene stilistischen Formen in lehrreicher Weise zusammen, die Goethe vom Volksliede entnommen hat. Dies trifft besonders bei der Ballade zu, die Volkspoësie fürs Auge sein will, die die Sangbarkeit aufgegeben hat; wenigstens die moderne Ballade ist Goethe auf diesem Wege gefolgt. Die ersten Balladen Goethes waren alle sangbar, Volkspoësie fürs Ohr.

Graf Schack sagt:Manche glauben, Goethe habe im Volkston ge-

*) Fried. Schlegel S. 163. Vgl. fg. bis S. 165, wo die Goetheschen Balladen weiter gewürdigt werdeu. Vgl. auch Fr. Schlegels Briefe an seinen Bruder August Wilhelm, hgg. von O. F. Walzel S. 150 fg.: Der Tadel Bürgers und Percys und das Lob Schillers zeigt bei aller Verworrenheit der Kritik Schlegels richtigen Geschmack und gerechte Würdigung.