Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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würziger Hauch strömte aus dem Volksliede in die dumpfe Atmosphäre der Gelehrtenpoësie; es schien, als ob gegenüber den Wortkünsteleien und gemachten Nachahmungen, die das Herz kalt ließen und höchstens den Verstand beschäftigten, ein neues, freudiges, die wahre Schönheit unmittelbar erfassendes Gefühl allein echte Poësie sei. Jeder Stoff war jetzt dem Dichter recht, wenn er nur die rein menschliche Grundlage des alten Volksliedes hatte. Was im Leben tief ergreifend wirkte, wo immer es sich zutrug, was das Menschenherz bewegte, ob im Fürsten kleid oder im Bettlergewand, das sollte im Liede fortleben. Freilich war hierbei ein Rückfall in die alte Formlosigkeit des Volksgesanges nicht ausgeschlossen. Um die Ballade wieder dauernd in die Litteratur einzufüh- ren, brauchte es einer so reich begabten Natur und eines so feinen Gefühles für Schönheit in allen Gestalten, wie es sich bei Herder fand, und des gleichzeitigen Auftretens eines so großen Dichters, wie Goethe war, um dieser Form rasch einen Platz zu erobern, den sie heute noch so ehren- voll festhält.

Was in der volksthümlichen Phantasie wie knospenartig sich ent- wickelt, aber den vollen Duft schon ahnen ließ, das konnte jetzt sich zur vollen Blumenkrone entfalten, die den Duft beibehielt, aber die reiche Schönheit erst zeigte. Der Adel der Form tritt zu dem reichen und be- wegten Inhalt.

Goethe hatte ein feines Verständnis für das Volkslied und wusste sich dessen Tones voll zu bemächtigen. Er charakterisiert mit wenigen bezeichnenden Schlagworten das Wesen dieser Volkslieder und Roman- zen z B.Das Wehen und Weben der räthselhaft mordgeschichtlichen Romanzen ist hier höchst lebhaft zu fühlen oderVon der guten, zarten, innigen Romanzenart.Von dem Reiterhaften, Holzschnittartigen der allerbesten Sorte oderDunkel, romantisch, gewaltsam. Vgl. Epheme- rides und Volkslieder von Goethe(Deutsche Litteratur-Denkmale des 18. und 19. Jahrhunderts). Die feine Empfindung, die den großen Kenner des Volksliedes und seines innigen Tones zur Nachdichtung im Stim- mungsbild trieb, ließ ihn auch in der Ballade das Rechte treffen. Fast für jede Brechung des Balladentones ist bei Goethe ein Muster zu finden.

Allenthalben sagt Tieck über die poëtische Stimmung Goethes, wo trockene Steine, dürre Haide, Langweile und das Altfränkische ge- wesen waren, kamen Geister, hold und freundlich, um dem Menschen wwieder zu dienen, so wie der Dichter den Glauben an sie nur bei den Sterblichen erweckt hat. ImFischer undErlkönig belebten sich die Elemente wieder, der treue Eckart trat wieder zu den Kindern, und alle hören es gern, was der Dichter erzählte, der gut gelaunte Sänger, der selbst die Wildesten bezwingt, wenn er die goldnen Märchen singt. Die Zwerglein hielten Hochzeit vor dem träumenden Grafen, den Sänger lohnt sein Lied allein. Geistesgruß tönt aus Ruinen und wie bei Bürger der brave Mann, opfert sich in edler Pflicht die Jungfrau aus dem Volke. Selbst die altenglische Ballade muthet den Dichter imvertriebenen und zurückkehrenden Grafen an.*) Im Vergleich zu seinen Vorgängern und Zeitgenossen zeigt sich ein großer Unterschied der Goetheschen Balladen. Sie versetzen uns auf das Gebiet der reinen Schönheit und sind darum echt künstlerisch. Mit Recht konnte daher Uhland sagen:Eine Ballade wieDer König von Thule ist gar nichts, wenn sie nicht Poésie ist, ist sie aber überhaupt etwas, so muss sie auch ganz nur Poësie sein. Die

*) Vgl. Goethes Gespräche, hgg. von W. Freih. von Biedermann VI. 362.