Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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schmerz auszusprechen, etwa was die alte BalladeDie Gefangenen so erschütternd ausdrückt.Mich ängstigen des Lebens Lasten, lass mich ruhen, lass mich risten, lass mich rasten bis an den jüngsten Tag, aber er hatte vor allem den Volkston getroffen, er hatte sich losgewunden von der spassigen Manier. er hatte die Sprache in seiner Gewalt und wusste den Dialog wahrhaft balladenmäßig zu handhaben; er besaß das unruhig hin und her flackernde, bisweilen aber auch in gesammelter Glut mächtig emporlodernde Feuer, das der Ballade zukommt. Doch war ihm das Sangbare und Knappe nicht gegeben. Ein intensives Gefühlsleben pul- sierte in ihm, er besaß auch den Griffel des echten Balladendichters, er zeichnete in großen Zügen und wählte seelenvolle, würdige Stoffe, er besaß einen weiteren Kreis von Anschauungen, es lag ihm aber keines- wogs nahe, wie Holzhausen meint(H. 3. S. 331), die Ballade zur Dar- stellung einer sittlichen Idee zu benützen. Ihm war das Bild noch die Hauptsache, nicht eine Idee.*)

Die Saat, die Bürger in den Boden der deutschen Literatur ein- gesenkt, gieng frisch auf. Wenn er auch, wie Schiller von ihm sagt, wert war, sich selbst zu vollenden, um etwas Vollendetes zu leisten, so war diés doch erst seinen Nachfolgern in der Ballade beschieden, die das zur classischen Form ausprägten, was bei ihm, der sich für den Dschingischan der Ballade hielt, nur elementarisch blieb; aber in diesem Elemente lag alles für seine Nachfolger bereit. Die dramatische, rasch bewegte Handlung, der meist im echten Balladenstil blitzartig andeutende Dialog, das leidenschaftliche, die Tiefen des menschlichen Herzens auf- wühlende Wesen, die mit Sicherheit hingezeichnetenBlumen am Wasser- sturz, über die ahnungslos das Schicksal hereinbricht, die kraftvolle Zeichnung der verwegenen Verächter des Heiligen, die Hingebung für fremdes Wohl, das Mitleid mit dem Hilflosen, das gespenstige, auf altem Sagengrund emporsteigende Schauerbild, das stimmungsvolle Einklingen der Natur, dies findet alles sich bei ihm, dabei jener tief dunkel bewegte springend dramatische Stil, anderseits jene lichte Deutlichkeit und be-

*) Holzhausen nennt Bürger den Schöpfer der Großballade, d. h. derjenigen Dich- tung, welche die epischen, lyrischen und dramatischen Elemente, die in der kleineren Bal- lade mehr oder weniger getrennt auftreten, mit künstlerischem Bewusstsein in sich ver- einigt. Der Charakter der Großballade kann aber dadurch nicht gegeben sein; auch eine wenig umfangreiche Ballade kann diese Elemente verbunden aufweisen, und je mehr sie dieselben aufweist, desto sicherer ist sie eine echte Ballade, die überhaupt nicht ins Breite gehen soll. Dieses Kennzeichen verfängt somit nicht, es ist also für die Großbal- lade nur ein Kennzeicheu vorhanden ihre Größe, die aber zum Wesen der Ballade nichts hinzuthut, sondern sogar noch etwas nimmt. Den NamenGroßballade kann man nur rechtfertigen, wenn ein wahrhaft dramatischer Aufbau mit Acten vorhanden ist. Dramatisch-lebendig muss jede Ballade sein, die dramatische Entfaltung kommt nur der dramatischen Ballade zu, die eine eigene Art ist, die man dann Großballade nennen kann, wenn man will. Die Balladen Schillers sind gemäß der Begabung Schillers für dramati- sche Composition durchaus im dramatischen Sinn componiert, und im kleinen sind die Mittel der Wirkung und Steigerung mit eben solchem künstlerischen Verstande abgewo- gen wie im Drama. Auch Bürgers Balladen, wenigstens die umfangreicheren, sind nach einem bestimmten Plan gebaut, der sich mit dem Aufbau eines fünfactigen Dramas ver- gleichen lässt, worin, wie Holzhausen bemerkt, nur die Peripetie fehlt. Nur deswegen kann man sie Großballaden nennen. Kein neuerer Dichter, sagt Gervinus über Bürger, hat in dieser Gattung so anschaulich gemacht, dass die Ballade die Anfänge der dra- matischen Kunst gleichsam in sich schließt und in dem Wechsel der verschiedenen Lei- denschaften und Regungen ihren Gesetzen folgt, so dass auch zur Declamation nichts so gerne gewählt wird, als Bürgers Balladen. Die lyrische Ballade wird nie zur Großballade; die epische selten, sie tritt dann auch meist aus dem Gattungsbegriff der Ballade heraus. T