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Mitteln ein Großes zu erreichen, in edler Schlichtheit ohne allen redne- rischen Schmuck die ganze Seele in ein Mitschwingen mit einer träu- merisch düsteren Sagenstimmung oder jeder anderen Stimmung, die das Gedicht hat, zu versetzen, es war ihm nicht gegeben, den tieferen Lebens-
Freunde, besonders Boies der Production Bürgers nicht schadete.„Hätten wir dieser Ein- wirkung auch nur die Schilderung des Geisterritts zu danken, die sicherlich zu dem Glanz- punkte der Ballade gehört, so hätten wir immerhin Ursache genug, den Göttinger Kriti- kern dankbar zu sein, dass ihre Anregung eine sonst leicht herauszufühlende Lücke in dem harmonischen Aufbau dieses Meisterwerkes der Dichtung ausfüllen half. Goethe be- wunderte die Bürger'schen Balladen„Du bist immer bei mir, auch schweigend wie zeither. Deine Europa und Raubgraf sind sehr unter uns.“ Und Bürger schreibt:„Mein Herz ver- langt sehr danach, von dir bald wieder heimgesucht zu werden. Meine Meduse ist jetzt hinterm wilden Jäger her und hört im dunklen, grauenvollen Forste sein Halloh! seines Hornes Klang, seiner Peitsche Knallen und das Geklüffe seiner losgekoppelten Hunde.“ Vgl. Wackernagel, Kl. Schriften 2, 399.
Einer von den Parnassiens Leconte des Lisle hat in seiner„Christine“ denselben Stoff wie Bürger in seiner Lenore behandelt. Diese französisch zugestutzte Lenore hat nichts von der knappen Kraft und Unmittelbarkeit der deutschen Dichtung. Vergl. auch Maury Bonnet: G. A. Bürger et les origines anglais de la ballade litteraire en Allemagne. Vgl. die schöne Untersuchung über Bürgers Lenore in den Charakteristiken von Erich Schmidt, sie gibt die Entwicklung der genannten Ballade von ihrer ersten Entstehung an. Anton Schlossar liefert zu dem Absatz„der Mond scheint hell“ einen Beitrag in den Blättern für lit. Unterhaltung Nr. 20, 1887 aus einer Komödie aus dem Jahre 1767(Isak und Rebekka)„scheint mit der Mond so hel— reith mit der Tod so schnel“ als Anklang an ein damals wohl schon verbreitetes volksthümliches Lied. Vgl. auch„Isländische Volks- sagen aus Jon Arnasons Sammlung ausgewühlt und übersetzt von M. Lehmann-Filhés. „Der Küster von Myrkau“ bringt den Lenorenstoff bis auf die Verse„Mond der gleitet, Tod der reitet“ in eigenartiger Einkleidung wieder. Wollner, der Lenorenstoff in der sla- vischen Volkspoësie. Jagié, Archiv für slavische Philologie VI. 239 fgg. Grudzinski, Leo- nore in Polen. Programm, Bochnia 1890. 3
Herder sagt Bd. 22, S. 403 über die Lenore, indem er einen Refrain aus Ost- preussen citiert:„Und warum sollt mir's grauen, Ist doch Feinslieb mit mir.“„Hätte Bürger diese zwei letzten Zeilen doch auch gehört. Vielleicht hätte er seiner ganzen Le- nore einen gefülligeren, ich möchte sagen, menschlicheren Ausgang gegeben.“
K. Krumbacher(Zeitschrift für vgl. Literaturgeschichte) nennt den Stoff der Le- nore den ruhelosen Wanderer, der voll kosmopolitischer Gelüste das Weltall nach allen Pnden durchkreuzt hat,„ein Problem der vergleichenden Literaturgeschichte.“ Vgl. Prof. Schröers in Freiburg sorgfültige Ausgabe von Percy's Reliques of ancient english poetry. („Kaiser und Abt“ ist die altenglische Ballade King John and the Abbot of Canterbury von Perey.)
Wahrscheinlich wanderte der Stoff von Norden her über ganz Europa, und die Nor- mannen überlieferten den Lenorenstoff dem slavischen Osten und dem romanischen Westen. Die älteste Überlieferung, dass Thränen die Ruhe des Todten stören, ist in der Edda. Mit Recht bemerkt Lucae(204):„Lenore ist weder einem englischen noch deutschen Stoffe entlehnt.“
Wie viel ergreifender ist das Volkslied als das Bürgerische Gedicht:„Des Pfarrers Tochter von Taubenhain.“„Da drunten auf der Wiesen, da ist ein kleiner Platz, da thät ein Wasser fließen, da wächst kein grünes Gras.“ 3
Vgl. Sauers Ausgabe von Bürgers Gedichten über den der Wirklichkeit entnom- menen Stoff des Liedes vom braven Manne, das 1777 in einem Guss entstand. Bürger nennt das Gedicht„eine echt lyrische Romanze.“ Vgl. A. W. Schlegel, Charakteristiken und Kritiken 1801. 2, 56— 62, der das rhetorische Beiwerk und das Selbstbewusstsein, mit der die Persönlichkeit des Dichters heraustritt, um uns Wert und Bedeutung seines Liedes recht nachdrücklich zu empfehlen, scharf tadelt. Bernays bemerkt dagegen, es lag gar nicht im Plane Bürgers, ein eigentliches Volkslied zu liefern, weil die Begebenheiten ohne Dazwischenkunft des Dichters wie von selbst sich vollziehen. Mit Absicht hebe er den ethischen Grundton hervor. Unter den älteren Balladen Bürgers empfiehlt sich gerade das Lied vom braven Mann durch die sichere festgehaltene Einheit des Tones. Wir sollen uns an dem Erzühlten sittlich erbauen, der Biedermann aus dem Volke soll uns lehren, wo un- verfälschte Menschenwürde zu finden sei. Allerdings konnte das Gedicht bescheidener auf- treten und sich gemessener vorwärts bewegen; wer weiß aber, ob es dann zu jener all- gemeinen Wirkung gelangt wäre, die es fortwührend behauptet.


