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Die Ballade hatte durch Bürger fast allgemeinen Anklang gefun- den. Er hatte es zwar noch nicht verstanden, mit möglichst kleinen
abweichend von den episch-dramatischen Vorbildern Spaniens und Englands, indem sie zum Theil mythischen., zum Theil lyrisch-sentimentalen Inhalts ist, so dass diese Werke bis einschließlich zu denen der Gleimischen Schule nicht hieher gehören. Der erleuchtende Strahl kam aus England, das in jener Zeit politisch eng zu Hannover gehörte. Bonnet Maury bespricht Bürgers neue Balladen, von denen er vier als heroische, drei als tragisch- satirische und zwei als mythische bezeichnet. Für die zweite dieser Gattungen(Pfarrers Tochter von Taubenhain, das Lied von der Treue) sei Bürger am wenigsten begabt ge- wesen. Die fünf Meisterwerke:„Die Kuh,“„Die Weiber von Weinsberg,“„Lenore,“„Der wilde Jäger,“„Das Lied vom braven Mann“ erschüttern das deutsche Gemüth in seiner ganzen Eigenart. Bonnet Maury will die Nachahmer Bürgers in vier Gruppen theilen: die komische(Blumauer, Langbein), die classische(Schiller und seine Schule), die Ver- mittler(Herder, Goethe, Chamisso), die Romantiker. Die Balladen Schillers bezeichnet er als einfach didaktische Erzählungen, denen er dramatischen Wert abspricht(mit Aus- nahme von Eberhard dem Greiner und dem Gang noch dem Eisenhammer). Die geschicht- lichen Balladen Goethes stellt er weit unter die Bürgerischen, während er die mythischen mit denen Bürgers gleichwertig achtet. Bei Chamisso findet Maury jene feine Tronie, welche den französischen Ursprung des Dichters erkennen lässt. Das„Riesenspielzeug“ ist das beste Werk erzählender Art. Die Romantiker sind ihm da die eigentlichen Fort- setzer des Bürgerischen Schaffens, das von der englischen Literatur beeinflusst, auf die- selben zurückwirkt.
Die Eintheilung Bonnet Maury’s von Bürger'’s Balladen, ebenso der vier Gruppen der Nachahmer Bürgers ist keineswegs treffend. Die Balladen Schillers verkennt er wie Baumgart in seiner Poëtik, ganz und gar. Gedichte so gewaltiger Eigenart unter die Ka- tegorie„didaktische Erzählungen“ zu bringen, geht nicht an.
Falsch ist das Urtheil Rinne's(Innere Geschichte der Entwicklung der deutschen
Nationalliteratur Theil II. S. 318.).„Die Bürgerischen Balladen haben zu viel Masse und Ton, sie haben sich nicht zum bloßen Gedankenhauch abgeklärt. Den eigentlichen Geist trafen weder Schiller noch Goethe, hierin ist es, wo ihnen Bürger vorzuziehen ist.“
Für Bürger wurde Percy, wie Erich Schmidt(Charakteristiken S. 203) bemerkt, geradezu ein Retter, denn ohne die Reliques, aus denen schon 1767 ein Göttinger Auszug erschienen war, wäre Bürger vielleicht nie über die unselige halbparodistische Manier der falschen Romanze hinausgekommen und auch seiner Lyrik würden die unvergessenen Her- zenstöne, die innigen Wünsche und kosenden Zurufe, die Nothschreie der Verzweiflung fehlen. Erich Schmidt unterscheidet bei Bürger: 1. die parodistische Gruppe, 2. eigene Erfindungen mit Benützung mündlich oder schriftlich überlieferter Motive:„deutsche Sa- gen, neuere Vorfälle,“ 3. die romantische Gruppe, 4. die Hauptgruppe, welche in Perey ihren Vater oder wenigstens ihren Pathen sieht S. 205.
Erich Schmidt behauptet 206, dass Bürgers Behauptung„mein einzig Dichten und Trachten ist, alles auf die erste ursprünglichste Simplicität zurückzuführen,“ überall Lügen gestraft wird, da seine Balladen mit literarischen Vorlagen verglichen werden können. Die populäre Einfachheit, die er im Munde führt, war ihm verschlossen.
Ist es, wie Baumgart in seiner Poëtik(S. 52) von der Lenore meint, ihr vorwie- gender lyrischer Stimmungston oder etwa die Virtuosität in der Behandlung des decorativen Beiwerks oder etwa die geschickt angewendete Onomatopoéësie, wodurch diese Romanze Berühmtheit erlangte? Gewiss mögen diese Elemente beigetragen haben, das Gedicht in seiner Wirkung zu verstärken, die Hauptsache aber war der Stoff mit seinem volksthümli- chen und tragischen Motiv.
Vgl. über die Ballade Lenore„Briefe von und an Gottfried Aug. Bürger.“ Aus dem Nachlasse Bürgers und anderen meist handschriftlichen Quellen herausgegeben von Adolf Strodtmann, 4 Bände. Vgl. auch Stuttgarter Morgenblatt, Jahrgang 1809 S. 41— 45, wo Voß aus dem Nachlasse Boies über die Entstehung dieser herrlichen Ballade berichtet. Das Erscheinen des Götz von Berlichingen hat den Dichter, wie er an Boie am 8. Juli 1773 schreibt, zu einigen neuen Strophen begeistert. Die oft gehörte Ansicht, als habe Boie einen nachtheiligen Einfluss auf die poëtische Entwicklung Bürgers geübt, wird durch Strodtmann berichtigt. Die beiden Grafen Stolberg zollten in einem gemeinsamen Brief vom 11. September großes Lob; am 12. September bringt Cramer seinen Glückwunsch. Die formellen Ausstellungen, die der Hainbund macht, nimmt Bürger gern an. Auf die Ausstellungen Boies antwortet der Dichter am 16. September, er theilt drei neue Strophen mit, die den Geisterritt schildern sollen und die er in einer Nacht halb im Wachen, halb im Traum concipierte. So sieht man aus diesen Briefen, wie die Kritik der Göttinger


