Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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Der Engländer Blackwell hatte mit seinem Hinweis auf die alten spanisch-maurischen Romanzen als Proben echter Volkspoësie für Herder den Anstoß gegeben, auf das Volkslied hinzuweisen(S. 151. Haym, Her- der), und Herder gieng diesen Gedanken nach, die seinen ganzen An- schauungen entsprachen. Vgl. den 21. Band bei Herder(Cotta) über die Romanze-Ballade. Er hat 14. Volksgesang)*) den Unterschied der süd- lichen Romanze und nördlichen Ballade schon scharf aus den Gründen entwickelt:Nordwärts der Alpen tönen die Völker nicht zur Guitarre.... wohl aber Jamben zum Horn, zur Trompete, zur vollen starken Harfe sind ihre gewöhnlichen Anklänge. Diesen Tönen folgt der Inhalt. Unter diesem Mond- und Sonnenlichte sind Abenteuer, Unglücksfälle, Thaten, tapfere Thaten der Väter, die Klagen unglücklicher Liebe, vorzüglich aber die Gerichte der Adrastea, wenn sie den Bösen ereilet, den UÜber- muth stürzt, Untreue rächt, den Kecken über die Schranken treibt; sie und ihresgleichen Ereignisse im Laufe der Welt sind Lieblingsinhalte der Volkslieder. Blickt vollends Nemesis in's Dunkle und führt von dort aus die Verbrechen hervor, indem sie solche aus Gräbern und Hölle ans Licht fördert, dabei aber ihre Enthüllungen an solche stille Zeichen und Winke knüpfet, desto mehr erhöht sich das Grausenhafte, die Lieblings- farbe der Volksdichtung, bis, wenn die Dienerinnen der Adrastea, Poine, Dike oder gar die grässliche Erynnis erscheinen, jener Schrecken, der stumm macht, erscheint und gleichsam tantalisiert.*

Seit man den Grundsatz entdeckt und demonstriert hat,dass die höchste Poësie die sei, die das Herz umkehrt, und eben allen Regeln des Wahren, Schönen und Edeln zuwider, dennoch rühret, ist die an- dere Bedeutung des spanischen Wortes romance eingetreten, da es Possen bedeutet. Und so wäre mit dem echten Volksgesange abermals nicht etwa nur ein Hauptzweig alter, edler, rühmlicher und ruhmer- weckender Poësie, sondern der Grund aller Poësie, die innere Rechtschaf- fenheit und Honnetität im Herzen des Volkes ermordet p. 18, 19.

Herder(1803) zeigt im 10. Adrasteastück seine Opposition gegen die Romanze(vgl. die 7. Sammlung der Humanitaàtsbriefe dazu). Die Ro- manze soll wo möglich die Gerichte der Adrastea sich zum Gegenstande wählen, keinesfalls aber soll sie das Widrige gefällig behandeln.Oder wollen wir gar den Gott herab- und das Höllenreich heraufrufen, um zu zeigen, dass wir mittelst eines einfachen Liedes das Herz umwenden, heilig geglaubte Sitten vernichten, der innern Religion Hohn sprechen können und dürfen.**)(Haym meint, die Beziehung der Stelle kann für den nicht fraglich sein, der sich an die unwilligen Außerungen unseres Verfassers überDer Gott und die Bajadere und überDie Braut von Ko- rinth erinnert.)***)Dass der ganze Wurf der Ballade bei den Englän-

*) Vgl. Koberstein II. 1476 und II. 137276 Anmerkung über Herders Anregun- gen auf die Romanze. Herders Worte über diese ursprünglich so edle und einfache Dicht- art und den Missbrauch, der mit ihr getrieben werde, verscheuchten endlich den rohen und frivolen Ton und machten die ersten, herrlichen Ansätze zu dieser so großartig gerade immer in germanischen Ländern entwickelten Art der epischen Poësie möglich.

*) Herder wollte in einem 4. Theile der Fragmente von dem Verhältnis unserer Liederdichter zu den französischen Chansons und den britischen Balladen reden, kam aber nicht dazu. Haym, Herder S. 129. In dem älteren Briefe an Merk(Wagner, II. 36.) sagt Herder, wie er sich aus den alten Balladen, aus derAufhorchung dieser Kindertöne etwasGroßes zu erbeuten hoffe.

.*er) Herders wegwerfendes Urtheil über Goethes Ballade in einem Brief an Knebel (Nachl. 2, 279)das sind Heldenballaden! über die Balladeder Gott und die Bajadere und die Braut von Korinth.