Aufsatz 
Zur Poetik der Ballade : 1. Teil
Entstehung
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Jedes Werk der Phantasie muss ein wirklich lebensvolles, ein cha- rakteristisches Wesen sein. Charakter kann nur das Individuelle haben. Allgemeine Empfindungen, allgemeine Pypen sind leblos, das Volkslied gibt daher volle Menschen. So wird im Volkslied der Held mit seinem Sonderwillen, mit seinen Anschauungen und Thaten, mit seinem Geschick dargestellt, er tritt der Welt außer ihm entgegen, aber der Charakter wird in diesem Volkslied nur in einem Moment gezeigt, der aber hervor- ragend und bestimmend für den Helden ist; entwickeln kann sich der Charakter nicht; er kann nur in einem Falle, aber hier überraschend sich zeigen. Dieser Charakter ist auch der Kunstballade noch geblieben und zwar jener Art derselben, die bewusst das Volkslied als Vorbild nimmt, auch sie ist ein Moment aus einem reichen Leben, ob in der Mitte oder am Ende, ist gleichgiltig. Sobald sich die Gefühle eines Men- schen ganz bemächtigen, handelt er, und dieses Handeln in seiner Rück- wirkung in einem einzelnen Falle auf sich und auf andere ist auch der Inhalt der Ballade wie des alten Volksliedes*) Dieses Handeln kann un- tertauchen und sich färben durch den Charakter der Weltlage, aber das Wesen ist das gleiche, nicht ruhige Verstandesmenschen, sondern heiß- blütige, gemüthstiefe Naturen verlangt die echte Ballade.

Es war zur Zeit der Wiedererweckung der Kunstform im 18. Jahr- hundert unbekannt, dass schon längst die wahre Ballade im deutschen Volke blühte, diese schönen Lieder waren vergessen, und dies nimmt bei dem Ubergange der Volkspoësie in die Gelehrten-Poësie im 17. Jahr- hundert nicht wunder. Als man daher die nordischen Balladen und

machen erst den ilbergang vom historischen Volkslied zur Ballade; einige stehen noch ganz auf geschichtlichem Boden, andere haben noch sagenhafte Züge aufgenommen. Die Volksballade ist vermöge ihres anschaulichen Inhaltes das eigentliche Lied der Uberlie- ferung, und darum kann sie am wenigsten an bestimmten Zeitpunkten festgehalten werden. Die Volkslieder sind es auch, neben den Kirchenliedern hauptsächlich., was aus der PDichtkunst der alten Zeit belebend in unsere Zeit herübergewirkt hat. Herder hat die verschollenen Heimatlaute dem Ohre der Deutschen zuerst wieder vernehmlich gemacht, und in Goethes Lieder- und Balladendichtung ist ihr Anklang nicht zu verkennen.(S. 592. Vgl. auch zu Ludwig Uhland's Gedächtnisse:Mittheilungen aus seiner akademischen Lehrthätigkeit von W. Holland.) Hier sagt Uhland:Die Frage über das Historische oder Genetische der Ballade wird verschieden beantwortet. Schlegel meint, dass die Romanze überhaupt nicht anders als auf diesem Wege abzuleiten sein möchte als eine Gattung der neueren oder romantischen Poésie, die sich nicht wie die classische unmittelbar aus reinen Kunstgesetzen stetig entwickelt habe. Alexis glaubt, dass auch den ältesten epischen Werken einfache balladenartige Dichtungen vorangegangen sein müssen. Er behauptet, die Lyrik sei die älteste Form der Poësie, aus dem Liede wird die Ballade, aus dieser das Epos. Rosenkranz bezeichnet die erste Periode der deutschen Poësie als eine epische und die zweite, wo das Epische von der Gewalt des Liedes ergriffen, die Balladenform annehme, als lyrische. Uhland spricht sich gegen Rosenkranz und Schlegel aus und behauptet, dass balladenartige Lieder, welche noch jetzt im Volke gesungen werden, sich in ein hohes Alter hinauf verlieren.Die historische Ballade, heißt es bei Uhland weiter,muss am Ende doch eine wahrhaft genetische werden. In dem jugendlichen Zeitalter, in welchem die Poësie ihre größte Gewalt ausübt, zeigt sich überhaupt eine gewisse Ungeschiedenheit der Geisteskraft(S. 66), so erwächst auch in der Poösie selbst erst der ungetheilte Stamm. bevor er sich in seine Aste spaltet und diese wieder stammartig ihre Zweige ausspreiten. Ein Zustand der Möglichkeit aller besonderen Entwicklungen geht diesen selbst voran. Das Gedicht dieses ursprünglichen Zustandes der Poòësie ist die Ballade.

*) O. Weddigen gibt eine genaue Scheidung zwischen Volkslied und volksthümli- chem Lied. Das volksthümliche Lied ist ihm das Erzeugnis eines Kunstdichters, aber es hat alle Geheimnisse dem Volksliede abgelauscht. Das Volkslied jedoch, auf unbekannte Verfasser zurückgehend, ist bei aller Wahrheit der Empfindung mit einer gewissen Man- gelhaftigkeit der Form behaftet. Im zweiten Theile gibt der Verfasser einen kurzen Uber- blick über Balladen und Romanzen. 4