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einem Eingreifen der Persönlichkeit des Dichters keine Spur sei. Da müssten viele echt lyrische Gedichte, besonders die lyrische Ballade episch sein, so jene Gedichte, wo der Dichter seine Stimmung in andere Per- sonen legt, wie dies ja oft der Fall ist. Darum ist für Holzhausen ein Lied, wie:„Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“ vollkommen epischl*)
A. W. Schlegel sagt in seinen kritischen Schriften Theil 2. S 20 in der Beurtheilung der Bürgerischen Gedichte[Bürger hatte in der 2. Aus- gabe seiner Gedichte, was er sonst Balladen und Romanzen nannte, richtig „episch-lyrische Gedichte“ genannt]:„Die Darstellung ist in den alten Romanzen überhaupt summarisch und abgerissen, manchmal zählt sie Thatsachen und Namen chronikartig auf. doch lässt sie sich nicht auf Entwicklung der Triebfedern ein. Jenes beglaubigt sich von selbst, und dieses bringt, da nichts mit klügelnder Willkür erfunden, sondern alles mit der reinsten und kindlichsten Anschauung abgefasst ist, einen ahndungsvollen Unzusammenhang hervor, der uns mit unaussprechlichem Zauber festhält. Keine Rhetorik im Ausdruck der Leidenschaften, bei deren fast schüchternen Andeutung die rege Handlung um so gewaltiger trifft. Uberhaupt wird man niemals mit der Schilderung der Gegenstände übertheuert, wenn ich so sagen darf, die Sache gibt sich selbst ohne Anspruch und Bewusstsein, und nirgends ist eine Richtung auf den Effect wahrzunehmen. Durch alles dies sind die alten Romanzen in der Külm- heit weise, in der Ruhe herzlich rührend, im Abenteuerlichen und Phan- tastischen natürlich und einfältig und im scheinbar Kindischen oft uner- gründlich tief und göttlich edel. Dem sorglos dichtenden Triebe gelang, wozu nun der absichtsvolle Meister zurückkehrt, mit den unscheinbarsten Mitteln das Größte auszurichten! Ein gebildetes Zeitalter betrachtet diese Naturerzeugnisse mit einer Art von Vergnügen, wie es Kenner der Ma- lerei an leichten Skizzen und hingeworfenen Gedanken finden, wo man gleichsam die Grundanschauung eines großen und reichen Kunstwerks in weniger geistvollen Strichen vor sich hat. Es wird Ergänzung der Einbildungskraft dazu erfordert.“
Hier hat Schlegel in wenig Sätzen das Wesen dieser alten Dich- tungen gut gekennzeichnet. Man kann von diesen Dichtungen sagen, was Thucydides von Pericles gesagt hat, dass er in den Zuhörern einen Stachel zurückgelassen habe, was auch noch von der Kunstballade gelten
muss.„Das Errathenlassen,“ sagt Scherer S. 256(Geschichte der deut-
schen Literatur)„ist überhaupt eines der wirksamsten Mittel des Volks- liedes wie der Ballade; Sinnliches wird ausgesprochen, das Geistige muss man merken. Auf dem Streben nach Kürze, das im Volkslied sich so deutlich geltend macht, beruht die Ausbreitung der Ballade, häufig war sie ein zusammengezogenes episches Gedicht.“**)—
es gerne.“ Diese beiden liegen in der Mitte zwischen Epik und Lyrik, beide haben sich so durchdrungen, dass wir nicht mehr zu sagen vermögen, ob sie stärker episch oder stärker lyrisch seien.
*) Vergleiche zu diesem Gedichte: Werner,„Lyrik und Lyriker“ S. 201. Er nennt Heines„Tragödie“ Weiterdichtung mit Beziehung auf dieses Gedicht und zeigt den Werdeprocess.
**) Uhland(Schriften zur Geschichte der Sage und Dichtung B. 1. S. 587) sagt: „Von den Liedern dieser Art, welche im 15. und 16. Jahrhundert aufgeschrieben und zum Druck gebracht wurden, waren die meisten und besten der Hauptsache nach aus früherer Zeit herübergekommen. Diejenigen balladenartigen Lieder aber, welche im Zeitraum des 15. uud 16. Jahrhunderts entstanden sind, aus dem sie geschichtliche Ereignisse besingen,


