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Holzhausen, der sich in neuester Zeit eingehender mit der Ent- wicklung der Ballade und Romanze beschäftigt hat, glaubt, dass die ge- nannten Dichtungen auf eine sehr alte Form der Poësie zurückgehen, welche, der bewegten Weise der gesprächlichen Mittheilung entsprechend, ein Ereignis mit stark subjectiven Zusätzen und unter Infiochtung ei- gener Meinungsäußerungen des Erzählers wiedergibt. Ist dieser Erzähler von„besonders lebhaftem Temperamente“*), so wird die Mittheilung „fliegender, abgerissener.“ Rede und Dialog werden in seinem Munde dramatisch. Ein ruhiges Temperament wird zu einer rein epischen Dar- stellung hinneigen, während ein melancholisches Temperament die nur kurz angedeuteten Thatsachen in Betrachtungen und Empfindungen aus- strömen lässt. Diese Gattung der Poësie ist also sehr alt, sie hat sich, in den christlichen Ländern durch das romantische Element des Mittelalters beeinflusst, zu der Form der Ballade und Romanze krystallisiert. Kurz die Ballade und Romanze war längst vorhanden als Volkslied. Die alte Volksballade, in der mehr angedeutet als erzählt wird, in der das eigene Erlebnis sich halb hinter dem Schleier der Empfindung verbirgt, als die eine Form, und als zweite Form jene Ballade, die mit der epischen Ro- manze der Spanier verglichen werden kann, welche also auch mehr epischer Natur, mehr Gestaltenballade ist, indem sie Ereignisse meist
Gattung der Volksdichtung, das erzühlende Lied, romance, im Gegensatz zur Hofdichtung; in anderen Ländern war dieselbe Sache unter anderen Namen vorhanden. Das Tanalied, ballade, hat erst in England, wohin das Wort von Frankreich eingeführt wurde, die Be- deutung wie Romance erhalten, zuerst war es allgemein„Lied.“ Das 1573 in einer Bibel gedruckte hohe Lied heißt„The ballet of ballets Salomon.“
Vgl. das französische Werk von G. Bonet Maury:„Bürger und der englische Ur- sprung der Ballade.“ Die Ballade, als feste Ausdrucksform zuerst bei Dante nachweisbar, bedeutet ursprünglich Tanzlied und ist eine romanische Specialität. Auf britischer Erde erlebte sie unter Königin Elisabeth ihre Blüte, gerieth im 17. Jahrhundert arg in Verfall und Misscredit, bis erst der geläuterte Geschmack um die Mitte des 18. Jahrhunderts sie wieder zu Ehren brachte. Der deutsche Boden hatte längst ein echtes Volkslied aus ur- eignen Wurzeln entkeimen lassen, aber die kunstmäßig erzogene und doch volksthümli- chen Anschauungen dienende Gattung der Ballade wird erst im Zeitalter des Sturmes und Dranges aus der blutsverwandten Literatur der Engländer zu uns verpflanzt.
Karl Lucae, Aus deutscher Sprach- und Literaturgeschichte(Zur Geschichte der deutschen Balladendichtung):„Unser Volk hat ganz wie das britische, das spanische und skandinavische, wenn auch nicht in solcher Fülle und von so hoher Schönheit erzäh- lende Lieder gehabt und gesungen, nur hatte noch niemand, bevor Herder den Weg wies, das eigentliche Volk, vor allem das Landvolk bei seinen Gesängen belauscht, wie doch Goethe auf seinen Betrieb gleich that, der von Straßburg aus das Elsass durchstreifte und Lin ganzes Dutzend deutscher Balladen aus den Kehlen des ältesten Mütterchens erhascht.“
In Deutschland wurden im vorigen Jahrhundert zuerst spanische Romanzen epischen Inhaltes bekannt; daher Volkslieder rührenden oder erschütternden Inhaltes dann auch mit diesem Namen bezeichnet wurden. Romanze und Ballade wurden also synonym ge- praucht. Der Name Romanze kam von Süden, der Name Ballade von England nach Deutschland, nachdem er von Frankreich dorthin aus Italien gewandert war. Hellinghaus (Balladen deutscher Dichter) nimmt wieder die Ableitung der Ballade vom wälschen gwael- awd auf, womit die alten Briten ihre Volkslieder bezeichneten, ebenso Henze und Goette, Poëtik S. 38.„Später im verächtlichen Sinne für Gassenlied gebraucht, als Gegensatz der Hofdichtung wurde der Name seit Percy auf Volkslieder erzählenden Inhalts zum Gegen- satz gegen die kunstmäßig bearbeiteten epischen Volkslieder aufgenommen.“ Diese Ansicht ist nicht stichhältig. Es kann aber nach G. Bonet Maurys Ausführungen nicht mehr zwei- felhaft sein, dass an dem Ursprung des Wortes Ballade aus dem romanischen ballata fest- zuhalten ist.
*) Wer jemanden, sagt Aristoteles, mit warmem, lebendig bewegtem Gefühle reden hört, der wird immer von den entsprechenden Gefühlen selber gleichsam ergriffen, auch wenn das, was der erstere sagt, nicht viel heißt.(Aristoteles, Rhet. 3. c. 7. u. 5.)


