Aufsatz 
Die erste Festwoche des Deutschen Schillerbundes in Weimar : (5.-10. Juli 1909.) / von Paul Fischer
Entstehung
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geschildert hat, wenigstens einige Worte dankbarer Erinnerung zu weihen. Dann strebten wir in angeregten Gesprächen der Weimarer Stadtkirche zu, vor der uns in liebenswürdiger Weise der jüngste Stadtpfarrer empfing, ein schlanker und doch stattlicher Herr mit klarem Antlitz und freiem Blick, der sich uns zu unserer großen Freude zur Führung durch das in vieler Beziehung denkwürdige Gotteshaus erbot. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts im Stile der Spätgotik errichtet, hat die Kirche zwar durch wiederholten Umbau in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihr einheitliches Gepräge verloren, macht aber im Innern doch einen wohltuenden Eindruck und ist nicht bloß als Grabstätte der weimarischen Fürsten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, sondern auch dadurch denkwürdig, daß, herbeigerufen durch Johann den Beständigen, Luther im Jahre 1522 auf seinem Wege nach Worms in ihr ge- predigt hat und beinahe drei Jahrzehnte hindurch von ihrer Kanzel das Wort Herders er- schollen ist. Zunächst zeigte uns unser freundlicher Geleiter die im Schiff der Kirche befindliche Grabstelle Herders mit dem der Platte aufgeprägten Bilde der geschlossenen Schlange, dem Symbole der Ewigkeit, und des großen Mannes WahlsprucheLicht, Liebe, Leben und führte uns dann zu dem berühmten dreiteiligen Altargemälde Lukas Cranachs, das einen Hauptschmuck der Kirche bildet und demgemäß eingehend erläutert wurde. Weiterhin erregten unsere Aufmerksamkeit die von der weimarischen Renaissance- und Barockkunst geschaffenen, teilweise ganze Wandbauten bildenden Grabmäler in der Nähe des Altars, sowie die ebendort liegenden Grabesplatten Bernhards von Weimar, Anna Amalias und ihres Bruders Friedrich August von Braunschweig-Ols. Auch sonst gab der Herr Pfarrer über Bau, Einrichtung und Verwendung des schönen Gotteshauses die bereit- willigste Auskunft, und wir schieden von ihm mit dem Gefühle der Dankbarkeit, eine halbe Stunde lang die belehrende Unterhaltung eines feingebildeten Mannes über Gegenstände genoössen zu haben, die ihm wahrhaft am Herzen lagen.

Hiermit schloß für uns die eingehendere Besichtigung der sehenswürdigsten Bau- lichkeiten und Erinnerungsstätten der IImstadt ab. Es war eine Fülle von Eindrücken, die wir in wenigen Tagen empfangen hatten, und doch hatte in keinem Augenblick von einer zu großen Anforderung an unsere Aufnahmefähigkeit oder gar von Ermüdung oder Ubersättigung die Rede sein können. Vielmehr hatte uns die äußerst dankenswerte Fürsorge des Weimarer Festausschusses die Möglichkeit verschafft, alles in Ruhe anzuschauen und ohne Störung durch vorzeitig nachdrängende Scharen auf uns wirken zu lassen. Wenigstens konnte dies überall geschehen, wo die festgesetzten Zeiten pünktlich eingehalten wurden, was bei unseren Rundgängen nur im Wittumspalais leider nicht der Fall gewesen zu sein scheint.

Als wir am folgenden Morgen, dem des letzten Tages unserer Festwoche, zum Bahnhof wanderten, um nach Jena hinüberzufahren, der alten Saalestadt, die nicht bloß durch ihre malerische Lage und als Stätte urwüchsigen Studentenlebens eine unverwüst- liche Anziehungskraft übt, sondern auch als Aufenthaltsort zahlreicher berühmter Männer, namentlich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ausgezeichnet ist, klärte sich der Himmel auf und bewahrte sein heiteres Antlitz den größten Teil des Tages hindurch, so daß wir das schöne Landschaftsgemälde und das bunte, durch Marktverkehr und Vorbereitungen auf ein am späteren Nachmittage stattfindendes Studentenfest belebte Stadtbild bei strahlendem Sonnenschein genießen konnten. Auf dem Weimar-Gerarer Bahnhof in Jena empfing uns ein junger Student, einer der tüchtigsten früheren Schüler unserer Friedrich-Wilhelms-Schule, und übernahm die Führung bei unserem Gange durch die Stadt und ihre Umgebung. Die Grabenpromenade mit ihren mancherlei denkwürdigen Gebäuden, der Schillergarten mit der Sternwarte, der Botanische Garten und der Marktplatz mit dem Bismarckbrunnen und seinem munteren Treiben lockten zu längerem Aufenthalt, so daß der ursprünglich beabsich- tigte Spaziergang nach dem Fuchsturm aus Mangel an Zeit leider aufgegeben werden mußte. Dafür wurde die Jugend durch den großartigen Rundblick vom Turm der Stadtkirche aus und kurz vor der Abfahrt noch durch die schöne Ausschau von der Bismarckhöhe ent- schädigt, auf der das Vereinshaus des studentischen Sängerbundes liegt, dem unser junger Führer angehörte. Vollbefriedigt konnten wir bald nach Mittag die Rückfahrt nach Weimar antreten und unterwegs das Auge von neuem an dem Anblick der schönen Umgebung weiden.