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Wir hatten Zeit, diese Dinge in aller Ruhe zu betrachten und uns dabei die Tage zu vergegenwärtigen, wo Goethe an dem die Mitte des Arbeitszimmers füllenden Tische sitzend, seine Arme auf ein vor ihm liegendes Lederkissen gestützt, oder mit auf dem Rücken verschränkten Armen seiner Gewohnheit nach auf und nieder wandelnd einem befreundeten Schreiber diktierte, was Mit- und Nachwelt bewegen und erheben sollte; dagegen mußten wir die Besuchs- und Gesellschaftsräume, sowie die übrigen Zimmer des Hauses mit ihren er- staunlich mannigfaltigen Sammlungen und wertvollen Kunstschätzen, die man nur in einer Reihe von Tagen gründlich kennen lernen kann, so rasch durchwandern, daß es dem in diesen Gemächern Unbekannten nur eben möglich war, einen Gesamtüberblick und damit gerade nur eine notdürftige Vorstellung von dem umfassenden Gesichtskreise und der vielseitigen Bildung des wunderbaren Mannes zu gewinnen, der alle diese Gegenstände als eine Auswahl dessen, was seinen Geist genährt und sein Herz beglückt hatte, im Laufe eines langen und arbeitsreichen Lebens um sich vereinigte.
Kürzer ließ sich das Wittumspalais, der gleichfalls verhältnismäßig einfache und an kostbaren Erinnerungen reiche Witwensitz Anna Amalias, abtun. Auch die Besichtigung des Schillerhauses in der nach dem Dichter benannten schönen Straße erforderte nur ver- hältnismäßig kurze Zeit. In ihm werden dem Besucher nur die oberen Räume geöffnet, die der Dichter persönlicli während der letzten drei Jahre seines Lebens bewohnt hat: ein Warte- zimmer, ein Empfangszimmer, das Arbeitszimmer und die Schlafkammer des volkstümlichsten unserer Großen. Namentlich das Arbeitszimmer kann man nicht ohne tiefe Bewegung be- treten, wo der hohe Mann, der nach Goethes Ausspruch so groß in der täglichen Unterhaltung war, wie er im Staatsrate gewesen sein würde, immer von neuem bewies, was ein starker Wille auch über einen schwachen Körper vermag,„wenn durch des Leibes Pein und Ohnmacht siegend die Flamme des Geistes leuchtet“. Auch die übrigen Räume enthalten eine Reihe der wertvollsten Andenken an den Unvergeßlichen, sind aber zum Teil mit verschiedenen Gerätschaften neu ausgestattet und gewähren deshalb leider nicht ganz das Bild jener Tage, in denen Schiller selbst hier waltete und seine letzten großen Werke, die Braùut von Messina, den Wilhelm Tell und die Anfänge des Demetrius, schuf. Im ersten Stockwerk, wo Schillers Familie wohnte, sind jetzt die Arbeitszimmer der deutschen Schillerstiftung, deren dritter allgemein bekännter Generalsekretär, der in Stettin geborene Dichter Hans Hoffmann, ein Meister deutscher Erzählungskunst, aus voller schöpferischer Arbeit im Juli vorigen Jahres durch den Tod abberufen worden ist, mitten während des ersten Festes unseres Schiller- bundes, dessen Vorstande auch er angehörte. 3 3
Der Nachmittag des siebenten Juli fand uns zunächst in dem von der edeln Groß- herzogin Sophie, der Gemahlin Karl Alexanders, erbauten, im Sommer 1806 eröffneten, Goethe-Schiller-Archiv, wo wir an den Wänden in stattlichen Schränken Schillers Hand- bibliothek mit dem Plutarch, den er so hoch schätzte, sowie die kostbaren ersten Ausgaben der Klassiker zu betrachten und in den inneren Räumen, in glasgedeckten Kästen wohlver- wahrt, eine größere Anzahl der schönsten Briefe und Gedichte unserer Klassiker, wie neuerer vaterländischer Dichter in der Urschrift zu lesen Gelegenheit hiatten. Eine spätere Nach- mittagsstunde aber vereinigte bei etwas zweifelhaftem Wetter wenigstens einen Teil von uns auf kurze Zeit in Schloß, Gewächshaus, Park und Naturtheater Belvederes.. 85 . Den ersten größeren Ausflug nach außerhalb machten wir am nächsten Tage, einem Donnerstag, der theaterfrei war. Eisenach mit der Wartburg und den angrenzenden Teilen des Thüringer Waldes war diesmal unser Ziel. Bei verhältnismäßig kühlem, vorläufig aber regenfreiem Wetter stiegen wir bald nach der Ankunft in Eisenach zu der berühmten Burg empor, die, 1067— 69 unter Ludwig dem Springer erbaut, zu Anfang des 13. Jahrhunderts, unter Hermann I. mehr als einmal die großen mittelhochdeutschen Sänger Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide als Gäste beherbergt hat, im Mai 1521 für 10 Monate auf Kurfürst Friedrichs des Weisen Veranlassung unserem Luther als Junker Jörg die erwünschteste Zuflucht bot und unter dem kunstsinnigen Karl Alexander zu Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts durch Ritgen und Dittmar in ihrem alten Glanze wiederhergestellt ist.— Bei unserer Ankunft oben war es verhältnismäßig kühl und stür- misch, aber der Ausblick in das herrliche Land hinaus war ungetrübt. Die inneren Räume


