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Es war keiner unter uns, den der Zauber dieses Ortes, des schlichten Häuschens mit dem in liebendster Sorgfalt angelegten Garten, wo der junge Dichter soviel Schönes ge- schaffen und soviel herrliche Stunden verlebt hat, nicht in seinen Bann geschlagen hätte; und als wir nach dem Besuch des Gartenhäuschens, das hier nach seinen Einzelheiten nicht näher geschildert werden soll, an der IIm entlang der Stadt zugingen, da begleiteten uns die Verse Goethes„Und ich geh' meinen alten Gang, Meine liebe Wiese entlang, Tauche mich in die Sonne früh, Bad' ab im Monde des Tages Müh“ und Schillers bekanntes Epigramm auf die IIm„Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle, Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied“.
So waren wir in der empfänglichsten Stimmung für die Besichtigung der Dichter- zimmer im Großherzoglichen Schloß, die dem Andenken Herders, Goethes, Schillers und Wie- lands geweiht sind. Hier empfing uns eine der großen Dichter würdige Pracht, die für ein Fürstenschloß sich geziemt und nach den überaus einfachen Räumen des Goethischen Garten- hauses doppelt eindrucksvoll war. Sie stammen von der Großfürstin Maria Paulowna, der Gemahlin Karl Friedrichs von Weimar, und sind ein wirksames Zeugnis dafür, wie die Mitglieder des Großherzoglich-Weimarischen Hauses große Männer ihrer Umgebung zu ehren wissen.— Mit der Besichtigung des Großherzoglichen Museums endete für uns dieser Vor- mittag. Hier zog in der Mittelnische des Treppenhauses die nach einer Anregung Bettinas von Arnim durch Steinhäuser in carrarischem Marmor hergestellte mächtige Gruppe„Goethe und Psyche“ zunächst den Blick auf sich. Im übrigen fesselte außer einzelnen namhaften Gemälden der deutschen und niederländischen Meister Dürer, Cranach, Holbein, Genelli, Schwind, Rubens, van Dyck und van de Velde vor allem das herrliche Selbstbildnis Rem- brandts und die berühmte Preller-Galerie, d. h. die 16 in Wachsfarben ausgeführten Original- wandgemälde zur Homerischen Odyssee.
Den Nachmittag des sechsten Juli füllte ein Spaziergang aus, der uns an der einst von Liszt und der Fürstin Witgenstein bewohnten Altenburg vorüber durch Park und Webicht nach dem im anmutigen IImtale gelegenen Tiefurt führte. Hier besichtigten wir den schönen von Anna Amalia, der Mutter Karl Augusts, angelegten Park, während ein leiseer, allmählich stärker werdender Regen herniederrieselte, der trotz alles Bemühens nicht imstande war, unsere festliche Stimmung zu dämpfen. Der Anblick des am Eingang zum Parke liegenden Schlosses, eines von alten Bäumen beschatteten und teilweise von wildem Wein umrankten, sonst aber ungemein bescheidenen zweistöckigen Gebäudes, in welchem Karl August oft wochenlang vorlieb nahm und die feinsinnige Herzogin Anna Amalia fast immer zur Sommer- zeit wohnte, gab eine anschauliche Vorstellung von der Anspruchslosigkeit der Menschen jener Zeit.
Diese lehrreiche Erkenntnis aber steigerte sich bis zur größten Verwunderung meiner jugendlichen Begleiter, als wir am nächsten Morgen das höchste Heiligtum des klassischen Weimar, das neben unserem Gasthofe liegende Goethehaus, besuchten und ehrfurchtsvollen Herzens in die weihevollsten Räume des Hauses, die nach dem Garten zu gelegene eigentliche Wohnung des Dichterfürsten, eintraten, den kleinen Vorraum mit der Standuhr aus Goethes Elternhause, die am 7. November 1825 der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin dem Dichter als Geschenk zum goldenen Jubeltage seines Weimarer Aufenthalts heimlich hier hat aufstellen lassen, und das schlichte Arbeitszimmer mit einfachster Ausstattung, ohne Sofa, ohne bequemen Stuhl, ja ohne Gardinen selbst, aber auch ohne den Lärm des Alltags, eine friedliche Zelle, die der alte Herr oft wochenlang nicht verließ, und doch zugleich ein Schlachtfeld des Geistes, auf dem die glänzendsten Siege erfochten worden sind, und das einzige nach Hebbels Ausdruck, auf das wir Deutsche ohne Rest stolz sein dürfen. Neben diesem Zimmer der Schlafraum, ein kleines Gemach mit einfachem Bett aus rohem Holze, dessen einzige Pracht eine wattierte rotseidene Decke bildet, ihm zur Seite ein mit grünem Wollstoff überzogener Lehnstuhl aus Birnbaumholz, auf dem der große Dichter seine letzten Atemzüge verhaucht hat, und außerdem noch zwei winzige Tische, einer neben dem Lehn- stuhl mit der Tasse, aus der Goethe zuletzt getrunken hat, und ein zweiter an der schmalen Wand zwischen Tür und Fenster mit einem ganz kleinen weißen Waschbecken, wie wir es jetzt noch etwa in zurückgebliebenen Dorfwirtshäusern finden.


