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Ein dreistündiger Aufenthalt in Berlin ermöglichte es, den Lustgarten und den Schloßplatz aufzusuchen, den Dom im Innern unter den Klängen des mächtigen Bauerschen Orgelwerkes zu bewundern, die Linden entlang zu wandern, den Königsplatz mit dem Reichs- tagsgebäude und den an ihm stehenden Denkmälern in Augenschein zu nehmen und darauf durch die Siegesallee und die Bellevuestraße zunächst dem„Schultheiß“ und dann dem Anhalter Bahnhof zuzustreben. Am Nachmittag trug uns der Eilzug weiter nach Weimar, wobei das Saaletal hinter Halle meinen jungen Begleitern die ersten herzerhebenden Ein- drücke landschaftlicher Schönheit und kulturgeschichtlicher Erinnerung bot. Auch Weimar durchwanderten wir zu Fuß vom Bahnhofe über den Karlsplatz mit der„Erholung“, wo vor- übergehend die uns unsere Festkarten liefernde Geschäftsstelle des Bundes aufgeschlagen war, bis zum Goetheplatz, an dem uns unmittelbar neben dem stattlichen und doch schlichten Goethehause der Gasthof„zum Weißen Schwan“ nun Tag für Tag, wie einst Zelter, dem Freunde des alten Goethe, bei seinen Besuchen in Weimar, die wirtlichen Pforten offenhielt.
Wir schüttelten den Staub von den Füßen, stärkten uns gemeinsam in dem zum Weißen Schwan gehörenden großen Saale der Schlaraffia, der uns für die Tage unseres Aufenthaltes mitsamt dem Pianino des Vereins freundlich zur Verfügung gestellt worden war, durch ein einfaches, aber kräftiges Abendessen und wandten uns um 8 ½¼ Uhr abends dem größten Garten Weimars, dem der Armbrustschützengesellschaft zu, wo die Festwoche mit einer Be- grüßung der Teilnehmer durch den Vorstand des Schillerbundes auf das stimmungsvollste eröffnet wurde. Reichlich 1500 Stühle waren aufgestellt und im Umsehen besetzt. Die Ka- pelle des 04. Infanterie-Regiments leitete den Abend mit dem Vortrage des Hohenfriedberger und des Torgauer Marsches ein. Zwei wohlgeübte Weimarer Gesangvereine trugen die Lieder „Gott grüße Dich“ und„Die Himmel rühmen die Ehre Gottes“ vor; dann folgte nach er- neutem Spiel der Kapelle die schwungvolle, durch den lauten Beifall der immer festfroher gestimmten Hörer nach Gebühr belohnte Begrüßungsrede des ersten Vorsitzenden des Schiller- bundes, Professors Dr. Schultze-Arminius, und unmittelbar darauf erscholl aus hunderten von jugendlichen Kehlen frisch und kraftvoll die im voraus geübte Hymne„Deutschland“ von Hoffmann von Fallersleben in der von Waldemar von Baußnern, dem Direktor der Groß- herzoglichen Musikschule in Weimar, eigens für die Nationalfestspiele neugesetzten Weise. Erneute Musikvorträge, sowie ein warmherziger Festspruch des Weimarer Oberbürgermeisters GR. Papst und ein damit verbundenes Hoch auf Kaiser und Großherzog schlossen die ein- drucksvolle Feier des Begrüßungsabends würdig ab.
Der folgende Morgen führte uns zunächst in die schöne, etwa 200 000 Bände ent- haltende und an Kunstschätzen reiche Großherzogliche Bibliothek. Der Zutritt war, wie zu allen Sehenswürdigkeiten der Stadt und Umgebung, für die Mitglieder des Schillerbundes unentgeltlich, und zugleich war hier, wie überall, wo es not tat, für kundige Führung durch den Festausschuß des Bundes gesorgt. Da wir völlig ungestört waren, so war es uns vergönnt, nicht bloß die kunstvolle, großenteils von Goethe herrührende Anordnung der Bücher- gruppen, sondern auch die berühmten Marmorbüsten Goethes von Trippel, Rauch und David d'Angers, die Büste Schillers von Dannecker, die Wielands von Schadow, die Herder darstellende von Trippel, sowie die schönen Bilder Karl Augusts, Lessings, Schillers und zahl- reiche andere Werke der Kunst, die diese festlichen Räume schmücken, in aller Ruhe an- zuschauen.
Ein Gang durch einige der schönsten Teile des von Karl August und Goethe im Anschluß an zwei ältere kleine Anlagen seit 1778 geschaffenen Stadtparkes, den wir in den folgenden Tagen noch öfter andachtsvoll durchwanderten, führte uns von der Bibliothek zu Goethes überaus einfach ausgestattetem, aber sehr schön gelegenem Gartenhause, das der Dichter von 1776— 1782 bewohnt, in späteren Jahren zur Sommerzeit noch oft aufge- sucht und selbst unübertrefflich besungen hat in den Worten:
„Ubermütig siehts nicht aus, Hohes Dach und niedres Haus; Allen, die darin verkehrt, Ward ein froher Mut beschert.
Schlanker Bäume grüner Flor, Selbstgepflanzter wuchs empor; Geistig ging zugleich alldort Schaffen, Hegen, Wachsen fort.“


