Aufsatz 
Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen
Entstehung
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Othello der Eifersüchtige usw. Die Person also, der Mensch mit seiner Leidenschaft soll in den Vordergrund treten und das Drama bestimmen, nicht seine Leidenschaft. Ludwig sagt:Er(Shakespeare) wählt als Faden einen Charakter, in dem diese Leidenschaft so recht normal ihren Verlauf haben kann, z. B. Romeo, die Art Mann, die der Liebe am zu- gänglichsten ist;... er sucht für sein Feuer allemal das Holz, an dem jenes seine Er- scheinung am kräftigsten und vollständigsten erzeigen kann. Auch weist er darauf hin, dass Shakespeare auch ein Meister in der Zeichnung heterogener Charaktere sei, wofür er als treffendstes Beispiel Hamlet anführt mit seinem Kontrast von Stärke und Schwäche.

Was er ferner über Shakespeares Diktion, über seine Monologe und Dialoge, über die Behandlung der retardierenden Momente usw. sagt, ist alles interessant und zumeist, überzeugend, kann aber an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden.

Bei seiner Besprechung dêr einzelnen Dramen, besonders des Othello und des Hamlet, beweist er trotz seiner Verehrung und, sagen wir es ruhig, Ueberschätzung seines Helden, doch stets Selbständigkeit des Urteils.

Ganz ausserordentlich interessant für uns sind nun aber seine Gedanken und Aus- führungen über Schiller, den er zunächst mit Shakespeare vergleicht. Er sagt u. a. Während Schiller in der Diktion und in der äusseren Form und in der Nennung des Schicksals und Hinweisung darauf die Alten zu kopieren sucht, steht Shakespeare diesen im Wesentlichen der Tragödie viel näher. Während Schiller die äusseren Verhältnisse, das historische Detail debattiert und Spannung und Zusammenhang in die Intrigue legt und solchergestalt die Schuld gröstenteils auf Rechnung der die Leidenschaft überwiegenden Umstände stellt und ebenso die Bestrafung, öffnet Shakespeare das Innere des Menschen und zeigt den Zusammenhang von Schuld und Strafe als einen Kausalitätsnexus in diesem Innern. Wie einseitig Ludwig hier urteilt, lehrt ein leiser Hinweis auf die Selbstanklage der Jungfrau von Orleans im 2. Monologe des Dramas, wie auch auf den grossen Monolog inWallensteins Tod. Auch widerspricht sich der Kritiker übrigens selbst in seiner Beurteilung Schillers, wie wir bald sehen werden. Jedenfalls hätte er Einschränkungen bei seiner Kritik machen sollen. Denn die Dramen der Sturm- und Drang- periode zeigen, was übrigens Ludwig selbst betont, gerade das, was der Kritiker angestrebt hat, und sind von denen der klassischen Schaffensperiode streng zu scheiden. Mehr be- greifen wir schon, wenn er sagt:Bei Schiller reisst uns der Dichter hin, bei Shake- speare des Dichters Gestalten, Schiller und Shakespeare stehen einander gegenüber wie Affekt und Leidenschaft. Auch ist es nicht ungereimt, wenn er sagt:Er schildert, weniger die Leidenschaft, als leidenschaftlich.

Das beste aber, was Ludwig über Schiller sagt, ist ohne Zweifel seine Betrachtung über das Rhetorische in dessen Dramen. Dieser war, darüber kann kein Streit unter den Kundigen entstehen, so sehr von der hohen und heiligen Aufgabe des Dichters und vor- züglich des Dramatikers erfüllt, er betrachtete in dem Grade den Dichter als den Erzieher seines Volkes, dass er eigentlich stets als der gottbegnadete Lehrer alles Menschlichen zu uns spricht. Und so redet er dann in den herrlichen Monologen Tells, Wallensteins und der Jungfrau von Orleans, wenn der Ausdruck gestattet ist, wie durch ein Medium zu uns. Dies macht ihn uns aber gerade lieb und wert. Zu dieser Erkenntnis drang Ludwig. der bei seinen kritisch-ästhetischen Erörterungen fast durchweg nur das Theatralische und Technische im Auge hatte, nicht durch, wenn er auch, was nicht verschwiegen werden soll, manche charakteristische Eigenschaften Schillers richtig erkannt hat. So z. B., wenn er an einer anderen Stelle sagt:Ihm war nicht das Gute das Schöne, sondern das Schöne das Gute, d. h. er stellte das Schöne so dar, als wenn es das Gute wäre. Wir brauchen uns hier nur an manche Stellen der Briefe Schillers:Ueber die ästhetische Erziehung des