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Menschen“ oder an den Hauptgedanken seiner„Künstler“ zu erinnern, an die schönen Worte:„Nur durch das Morgentor des Schönen dringt ihr in der Erkenntnis Land“, um dem Kritiker rückhaltslos zuzustimmen.
Was er endlich über Schillers Dramen, ohne besonderen Vergleich mit denen Shakespeares, sagt, ist zwar sehr interessant, würde uns aber hier zu weit führen. Nur einiges von seinen Auslassungen über„Die Räuber“ und über„Kabale und Liebe“ möge in Kürze berührt werden. Vom erstgenannten Drama sagt er:„Das ist eine wirkliche Leidenschafts- und Reue-, eine Gewissenstragödie, auch Charaktertragödie, wenn auch die Charaktere übertrieben, die Motive schwach, und daher das Ganze abenteuerlich erscheint; und über das zweite Stück lautet sein Urteil:„Unstreitig, was die Zusammendrängung des Stoffes in eine abgerundete Fabel betrifft, die beste Komposition Schillers“.— Ohne Schwierigkeit werden die aufmerksamen Leser die Widersprüche Ludwigs in seiner Beurteilung Schillers herausgefunden haben, wenn auch zugegeben werden muss, dass in dem, was er über die Jugenddramen des Dichters sagt, manches Körnlein Wahrheit steckt. Mag man nämlich über die zuletzt besprochenen Stücke auch wesentlich anders urteilen als der Dichters des„Erbförsters“ und diese Dramen nicht als klassische im strengen Sinne des Wortes gelten lassen, eines steht fest: vom Standpunkte der dramatischen Technik und der Theatralik betrachtet, gehören„Die Räuber“ zu den wirksamsten Dramen der Weltliteratur. Wer, wie der Verfasser, das Glück hatte, den einst hochgefeierten ge- waltigen Tragöden Lewinsky in der Rolle des Franz Moor, besonders im letzten Akte in der Sterbeszene, zu bewundern, wird uns zustimmen.
Nun noch ein Wort über des Dichters Mitteilungen über„sein Verfahren beim eignen Schaffen“. Selten haben wir etwas derart charakteristisches von Selbstbeobachtung beim künstlerischen Schaffen gelesen. Er sagt:„Mein Verfahren beim poetischen Schaffen ist dies:„Es geht eine Stimmung voraus, eine musikalische, die wird mir zur Farbe, dann sehe ich Gestalten, eine oder mehrere in irgend einer Stellung oder Gebärdung für sich oder gegeneinander und dies wie einen Kupferstich auf Papier von jener Farbe, oder, ge- nauer ausgedrückt, wie eine Marmorstatue oder plastische Gruppe, auf welche die Sonne durch einen Vorhang fällt, der jene Farbe hat“.— Wer gelernt und beobachtet hat, wie Ideen und Gedankenreihen durch musikalische, durch Farben- und andere äussere Reize erzeugt und weiter belebt werden,— besonders gilt dies von musikalischen Anreizen—, wird diese Beobachtungen des zart besaiteten und teilweise nervös-überreizten Dichters zu würdigen verstehen. Auch sind diese Wahrnehmungen für uns neue Belege für die Tatsache jener grossartigen Intuition und gelegentlich bis zum Pathologischen gesteigerten Sen- sibilität des eigenartigen Poeten.
Bei aller Wertschätzung nun, die wir Otto Ludwig angedeiben lassen, wie sehr wir auch Adolf Stern beistimmen, wenn er sagt,„dass die kleine Zahl seiner vollendeten Werke genüge, ihm eine hervorragende Stellung in der deutschen Literatur zu sichern“, so können wir doch nicht verschweigen, dass der gewiss gross angelegte Mann, der gewandte Dramatiker, der glänzende Epiker nicht zur vollen Ausreife gelangt ist, wobei wir nicht etwa nur seine Fragmente im Auge haben. Wohl wissen wir so gut wie die anderen, dass namenloses körperliches und seelisches Leid den Hochbegabten gehemmt und gepeinigt hat. Allein diese Hemmnisse müssen eben dann auch offen und ehrlich eingestanden werden. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass die beiden Bahnbrecher des modernen Dramas, Hebbel und Ludwig, prometheische Schicksalsgestaltert, wie wir sie nennen möchten, gewesen sind. Hebbel jedoch war, darüber sollte man nicht streiten, von beiden der Gewaltigere.
Mögen unseren beiden Dichtern, diesen Pfadfindern auf dem Gebiete der modernen Literatur, unsere Jüngeren, wie sie es vielfach bereits getan, immer noch mehr nacheifern zum Segen unserer vaterländischen Poesie!


