versteckt“, und das politische Poem:„Völkerfrühling“ sowie das andere mit dem Titel:
„1848“, von denen besonders das letztgenannte den Verfasser als Sohn jener sturmbewegten
Zeit erkennen lässt, während er im übrigen aller politischen Betätigung fern geblieben ist. III.
Zum Schlusse müssen wir Ludwigs kritisch-ästhetische Studien zu würdigen versuchen. Da sind es denn in erster Linie jene vielbesprochenen„Shake- spearestudien“, deren markanteste Leitgedanken wir an den Anfang der folgenden Ausführungen setzen wollen. Hören wir also den Autor selbst.„Meine Beschäftigung mit Shakespeare ging lediglich aus dem Triebe hervor, als ausübender Künstler von ihm zu lernen; vom Standpunkte des Ethikers oder des Philosophen ihn zu betrachten, dazu ent- ging mir mit dem Berafe der Wille. Ich betrachte seine Werke nach der technischen Seite. Jede Kunst schliesst ein Handwerk in sich ein. Das Handwerk der Kunst nenne ich den Teil derselben, der gelehrt und gelernt werden kann“. An einer anderen Stelle lesen wir: „Unter den Künstlern, die ich kenne, ist am schwersten bei Shakespeare das Handwerk von der Kunst zu trennen, weil sein Schaffen ein vollkommen organisches ist“. Dann klagt er über die Gefahr der philosophischen Abstraktion für einen modernen dramatischen Dichter und weist auf Schillers eigene Klage hin, dass er,„wo er dichten wolle, unwillkürlich ins Philosophieren gerate“. Immer wieder las Ludwig die grossen Tragödien des gewaltigen Briten, besonders: Othello, Lear, Hamlet, Macbeth, auch Romeo und Julia, und war mit, fast leidenschaftlichem Eifer bestrebt, hinter die Geheimnisse und Eigentümlichkeiten seines Meisters zu kommen*). Im Gegensatz zu den klassischen Dichtern, wie Schiller, meint er, denen das Drama nur ein Mittel zu ihren anderen Aufgaben(zu erzieherischen und ethischen) gewesen sei, sei für Shakespeare das Drama Selbstzweck gewesen.„Shake- speare ist der Spiegel, nicht das Spiegelbild seiner Zeit. Er zeigt uns die Leidenschaften seiner Zeit dramatisch in den Kämpfen handelnder und leidender Menschen; aber nirgends ist er selbst lyrisch in den Kampf hineingerissen, den er darstellt, mit so wunder- barer Kraft der Anschauung er sich auch in jede seiner Personen zu versetzen weiss, so dass er, wie Gervinus sagt,„ihre Gedanken mit ihnen denkt und ihre Sprache mit ihnen spricht“. An anderer Stelle lässt er sich folgendermassen aus:„Wir sehen den Menschen schuldig werden, wir sehen ihn, mit ihren Folgen kämpfend, die Schuld vermehren und endlich an ihr untergehen“. Zu dieser, jedem Shakespearekenner geläufigen Wahrheit bringt er dann die Werke der deutschen Dichter, besonders Schillers, in Gegensatz, indem er sagt:„Im neueren Drama wie fast in der ganzen neueren Literatur ist der Dichter selten der Spiegel, meist das Spiegelbild der Zeit, sind die Leidenschaften der Zeit nicht der objektiv behandelte Stoff, sondern sie diktieren ihm subjektiv den Stoff, sie sind nicht der Gegenstand seiner Darstellung, sondern die massgebenden Mächte derselben“. Sehr gut ist auch der Vergleich zwischen dem althellenischen und dem modernen Theaterpublikum. Es heisst da wörtlich:„Dort ein religiöses Volksfest, das die Bewohner des Landes in der Stadt des Jahres ein- oder zweimal vereinigt. Das Publikum schon beim Beginn des Spieles in der erhöhten Stimmung; das Spiel selbst eine Art religiöser Zeremonie; hier das Theater ein täglicher Vergnügungsort, geöffnet nur für Geld, wie Ball- und Konzertsaal; das Publikum stimmungslos, geteilt zwischen den empfangenen Eindrücken des heutigen und den zu erwartenden des morgenden Arbeitstages!“ Wem fallen hier nicht die bekannten Worte des Schauspieldirektors im Vorspiel zu Goethes„Faust“ ein?
Ueber Shakespeares Charakteristik macht er treffende Bemerkungen; z B. „Molière und seine Nachfolger haben eine Charakteristik zum Zentrum ihrer Stücke gemacht; dasselbe tat Shakespeare, nur dass er dem Charakter auch eine Persönlichkeit, gab, was Molièére zu seinem Nachteile nicht tat. So könnte Hamlet der Unentschlossene heissen; Macbeth der Ehrgeizige; Lear der törichte Vater; Shylock der Wucherer;
*) Heyderich hat sich das grosse Verdienst erworben, sämtliche Tagebücher, Kalender und Notizbücher Ludwigs durch- zuarbeiten und die Urteile über Shakespeare zu sichten. 7


