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die ganze waghalsige Arbeit des kühnen und opferbereiten Werkmeisters verfolgen. Gross- artig und gewiss unübertrefflich ist auch die Schildernng des Gewitters und des Schnee- sturmes am Ende der Erzühlung.—
Was aber dem Ganzen seinen eigenartigen Reiz verleiht, das ist die psychologische und teilweise pathologische Charakterzeichnung. Wir schrecken nicht vor der Behauptung zurück, dass es keinem Dichter der Weltliteratur, selbst Shakespeare nicht, in höherem Grade gelungen ist, die furchtbaren Qualen und zugleich die entsetzlichen Folgen der Eifersucht und des unbegründeten Misstrauens zu zeichnen und bis ins Einzelne hinein, gleichsam wie mit dem Seziermeser, bloszulegen. Hier hat Ludwig den Gipfel seiner Darstellungskunst erreicht. Wer wird z. B. unerschüttert bleiben beim Lesen jener furcht- baren Nachtszene, wo der rasende Fritz einen Schlag nach dem Antlitz der Gattin führt, worauf das totkranke Aennchen, das Zeuge dieser Brutalität sein sollte, seine unschuldsvolle Seele aushaucht? Und nun erst die Qualen des Schuldbeladenen, die Gewissensbisse des Zermalmten, die allzuspäte Reue, die Abweisung seitens der bis ins Innerste erschütterten Mutter, die nichts erwidert, nur dass sie ihm immer wieder die Worte zuruft:„Das Kind ist tot!“: wir gestehen, trotz des Grausens, das uns bei der Lektüre erfasst, immer wieder müssen wir die Meisterschaft der Darstellung bewundern. Nicht weniger ist auch hier, ähnlich wie beim„Erbförster“ das grandios gezeichnete Milieu hervorzuheben, das gleichsam wie eine brütende Atmosphäre das Haus um- und überlagert. Doch auch bei diesem Werke darf die Kritik nicht einseitig verfahren. Erstlich darf sie die Frage aufwerfen, ob es eine unbedingte Notwendigkeit für den Dichter war, nach all dem Hochtragischen nun auch das Ganze unbefriedigend abzuschliessen. Musste Apollonius wirklich aus übertriebener Angst vor etwaigen Missdeutungon der unglücklichen Frau nur den Namen„Schwester“ zubilligen? Ind weiter: musste der Dichter wirklich in den beiden Schreckensszenen auf dem Turm- dache, in der einen, wo der alte Nettenmair mit fast altrömischer Strenge den vermeint- lichen Brudermörder, um die Ehre des Hauses zu wahren, auffordert, sich in die jühe Tiefe hinabzustürzen, und in der anderen, wohl noch grausigeren, wo Fritz den armen Apollonius mit Gewalt dazu bringen will, sich mit ihm hinunterzustürzen, damit er ja nicht nach Fritzens Tode Christianens Gemahl werde: muss, wiederholen wir, der Dichter uns die ganze Stufenleiter seelischer Qual durchkosten lassen? Hier wäre ein Weniger entschieden ein Mehr gewesen. Sind doch die Werke der Kunst nicht dazu da, den Leser, Hörer oder Beschauer alle Schwingungen des gesamten Nervensystems fühlen zu lassen; soll er vieles doch nur andeuten und anklingen lassen. Hier aber haben wir ohne Zweifel eines der Urbilder des modernen Realismus vor uns. Endlich ist auch das allzu häufige Hineinziehen des sogenannten Hausgeistes in der Handlung nicht frei von Manier, während die fort- währende Wiederkehr der Wendung:„Im Hause mit den grünen Läden wurde es immer schwüler“ nur ein Mittel ist, das Stimmungsbild zu illustrieren.
Stellt man sich also auf den realistischen und teilweise naturalistischen Standpunkt Ludwigs, so wird man ihm für seine Dichtung unbedingt die Palme reichen müssen. Es sei gestattet, einen Teil der Schlussworte anzuführen. Der Dichter sagt:„Was die Menschen Glück und Unglück nennen, ist nur der rohe Stoff dazu. Am Menschen liegt's. wozu er ihn formt. Nicht der Himmel bringt das Glück. Der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen Himmel selber in der eignen Brust. Lass' dich vom Verstande leiten, aber verletze nicht die heilige Schranke des Gefühls. Kehre dich nicht tadelnd von der Welt, wie sie ist; suche ihr gerecht zu werden; dann wirst du dir gerecht. Und in diesem Sinne sei dein Wandel zwischen Himmel und Erde!“
Von des Dichters Lyrik ist nur wenig zu sagen. Der zum Dramatiker und
Epiker Geborene ragt auf lyrischem Gebiete nicht über das Durchschnittsmass hinaus. Erwähnen wollen wir das liedartige:„Ein Hüttchen steht im Odenwald, von Tannen tief. 1


