Aufsatz 
Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen
Entstehung
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3 mit ihrem stereotypen:Obschon mein Vater ein Weber ist gewest, hier sitz ich und sag': Das ist kurios.

In dieser Erzählung ist Ludwig der richtige Heimatdichter. Hier sehen wir Menschen von unserem Fleisch und Blut, wirkliche Erdgeborene, treu ihrer Heimat, frei von jeder Ausländerei, vor uns. Deshalb gewinnen wir sie bald lieb und freuen uns ihres frischen und ungeschminkten Wesens. So gehört denn die Heiteretei zu den Dichtungen, die man wie einen auffrischenden und erquickenden Labetrank immer wieder geniessen kann, ja, wir möchten sie als ein Gegenmittel allen empfehlen, die etwa durch manche Werke der sogenannten Modernen übersättigt oder gar angeekelt sind.

Mit dieser kostbaren Perle epischer Poesie und Kleinmalerei ist verknüpft eine weite Erzählung, betitelt:Vom Regen in die Traufe. Sie ist nicht so hervor- ragend wie die vorige, doch auch andererseits im Wesentlichen nicht viel niedriger zu stellen. Dabei ist sie reich an komischen, teilweise auchderb-humoristischen Szenen, um mit Bartels zu sprechen. Der kleine Schneider, der Sohn der Frau Bügel, ist ein prächtiger Gernegross, der wegen seiner kleinen Figur von allen bespöttelt, wird. Er sehnt sich nach einer grossen Frau und nach einem grossen Hunde, offenbar, um durch diese Gegensätze seine Kleinheit zu maskieren. Auch das vierte Gebot, das ihm im Hinblick auf die oft allzu fühlbare Zucht seiner gestrengen Frau Mutter ein Greuel ist, möchte er am liebsten aus dem Katechismus ausmerzen. Deshalb bändelt er mit der Schwarzen an, die, von seiner Mutter als Magd gedungen, sich bald zur Despotin des ganzen Hauses aufschwingt. Schliesslich treibt diese es so toll, dass das Schneiderlein bald merkt, dass die Befolgung des vierten Gebotes immer noch besser ist, als das Schreckens- regiment des Hausdrachen, durch das er tatsächlich aus dem Regen in die Traufe geraten ist. Nachdem sie dann des Plagegeistes los und ledig geworden sind, heiratet das Schneiderlein die treue Sannel, die ihm schon längst von Herzen zugetan war. In ihr hat Ludwig, ebenso wie in der Heiteretei, das Urbild des treuen, demütigen Weibes gezeichnet.

In beiden Dichtungen müssen wir übrigens neben der prächtigen Charakteristik die Meisterschaft in der Behandlung der Volkssprache und besonders der thüringischen Mundart bewundern. Sie sind hervorragende Muster der Heimatpoesie.

Die bedeutendste poetische Schöpfung Ludwigs ist indessen ohne Zweifel die Er- zühlung:Zwischen Himmel und Erde. Sie stellt sich als ausgereiftes Kunstwerk dar; einheitliche Handlung, harmonische Charakteristik, alles beherrschende, wenn auch etwas gar düstere, schwüle Stimmung. Die Menschen sind durchaus nach dem Leben gezeichnet. Der alte Nettenmair,der Mann im blauen Rock, der fast Erblindete mit der stehenden Redensart:Ich leide etwas an den Augen, aber das hat nichts zu sagen; der ältere Bruder Fritz, der neiderfüllte, von grenzenloser Eifersucht geplagte, fast wahnwitzige Mensch, den seine Wahnvorstellungen beinahe zum Brudermord hinreissen; der jüngere Bruder Apollonius, der selbstlose, idealgesinnte, einzig für die Ehre der Familie und das Wohl der Vaterstadt arbeitende Schutzgeist des Hauses; die zarte, echt weibliche Christiane; das Engelsbild des kleinen Aennchens, das ein Opfer des brutalen Vaters werden sollte: sie alle stehen lebendig vor uns.

Zwischen Himmel und Erde. Der Verfasser führt uns in das Arbeitsreich des Schieferdeckers, insbesondere auf den Kirchturm zu St. Georgen. Wie versteht er es, jenes luftige Reich darzustellen! Das Besteigen des Daches, das Anhaken der Leitern, das Umkreisen des Turmes mit dem Fahrstuhl, die angstvolle Spannung der tief unten Zuschauenden: Dies alles hat des Epikers Auge klar erschaut und uns naturgetreu, bis zur Peinlichkeit im doppelten Sinne ausgemalt und vor Augen gestellt, dass wir mit Grausen