Aufsatz 
Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen
Entstehung
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in der Seele lange Zeit haften. Lassen sich z. B. gewaltigere Szenen denken, als die den ganzen fünften Akt ausfüllende, in der Lea für ihre Söhne bittet, die der Syrerkönig Antiochos zum Flammentode verurteilt hat? Kann etwas Grossartigeres und Er- schütternderes gedacht werden, als der Glaubensmut und Fanatismus, mit der die Makka- bäermutter in den Tod geht?

Was will übrigens das Stück? Es soll uns einerseits das heldenhafte Makkabäer- volk vorführen, so dass man es mit Fug und Recht eine Volkstragödie nennen kann; andererseits ist eben vor allem der löwenmutige Ju dah und die in ihrem Glauben an die göttliche und politische Sendung ihres Hauses fast bis zum Grössenwahn begeisterte Mutter Lea vom Dichter verherrlicht. Die mit nichts zu vergleichende Liebe einer Mutter zu ihren Kindern ist ebenfalls ein wirksames Motiv der Handlung. Das Milieu, das herrliche Kolorit der palästinensischen Landschaft, die Zeichnung der jüdischen Charaktere im ein- zelnen, wie die Totalzeichnung des fast bis zur Raserei begeisterten jüdischen Volkes sind unserem Dichter meisterhaft gelungen. Vergessen wir aber auch nicht, die wunderbar schöne, echt poetische Sprache gerade dieses Dramas, die Knappheit und logische Folge des Dialogs hervorzuheben. Zu tadeln dagegen ist vor allem, dass der Dichter sich um die Einheit seines Heldenmotivs zu wenig gekümmert hat. Bald erscheint Judah, bald Lea, bald das gesamte Judenvolk als Held. Ganz Aehnliches beobachten wir bei Schillers Wilhelm Tell. Auf andere Ausstellungen, die mit mehr oder weniger Berechtigung von einzelnen Kritikern erhoben worden sind, näher einzugehen, müssen wir uns hier versagen. Das hie und da allzu grausig gemalte tragische Bild wird durch die wahrhafte Heldengrösse der Handelnden und Leidenden gemildert.

Nicht weniger grossartig und eigenartig, vielleicht, wie wir urteilen, noch bedeu- tender sind des Dichters Leistungen auf epischem Gebiete. Wenden wir uns zunächst der Heiteretei zu, jener kostbaren Erzühlung, in der uns Ludwig einige Charakter- typen des Thüringer Volkes gezeichnet hat, so eigenartig geprägt und ausgemalt, dass jeder daran seine Freude haben muss. Die Heldin, das Anne-Dorle oder die Hei- teretei, wie sie in bezeichnender Weise genannt wird, ist ein Urbild gesunder kräftiger, echt deutscher Weiblichkeit, lauter wie Gold, ohne Falsch, der Inbegriff der Natürlich- keit, begabt mit köstlichem Humor, treu und opferwillig, unerschütterlich trotz aller Ver- kolgungen und Anfeindungen. Wie ist das arme schlichte, kleine Mädchen doch so gross, im Vergleich mit den sogenannten grossen Weibern, der Valtinessin, der Morzenschmiedin, der Weberin, die sich für berechtigt und für verpflichtet halten, über das Seelenheil des armen, angeblich von dem Holders-Fritz verfolgten Mädchens zu wachen! Und wie treu hängt sie an dem Geliebten, trotz aller Sticheleien und Intriguen, wie sorgt sie, ohne dass er es weiss, für ihn, gerade in dem Glauben, dass er es nicht weiss! Wie ist sie glückselig, als sie nach all den Wirrnissen und Zwischenfällen ihm endlich ins Ohr flüstern kann, dass sie ihn immer geliebt habe, dass sie es gewesen sei, die gelegentlich in seiner Werkstätte und in seinem Junggesellenheim nach dem rechten gesehen habe. Und nun vollends die Ausmalung des Details! Gewiss, einzelnes könnte knapper sein, manche Szene ist recht weit ausgesponnen. Aber entspricht dies nicht der bekannten epischen Breite, die so alt ist, als die Gesänge Homers? Durchströmt nicht gerade diese Partien jene köstliche Behaglichkeit, jener anheimelnde Zauber, der uns beim Lesen um- spinnt? Erinnern wir hier nur an jenen köstlichen Abschnitt, in dem uns der Dichter die grossen Weiber im Häusle beim Hollunderbusch, in der Kammer der Heiteretei, beim Kaffeekochen und beim Klatsche vorführt. Hier lässt uns der Verfasser einen tiefen Blick tun in das Leben und Treiben einer Kleinstadt, in das Getue dieser grossen und doch so kleinen Weiber, von denen jede vornehmer und klüger sein möchte als die andere. Wie sind sie in ihrer ganzen Eigenart uns vor Augen gestellt, besonders die Valtinessin mit ihrer Haube, die jede Gemütsbewegung ihrer Besitzerin mit ihren Schwingungen begleitet,