Aufsatz 
Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

bekannt voraussetzen miissen. Wer kennt ihn nicht, den knorrigen, trotzigen, echt deutschen und speziell echt thüringischen Mann mit dem Eisenkopf und dabei mit dem warmen Herzen, der durch sein zähes, starres Festhalten an dem sogenannten Rechtsstandpunkte zugrunde geht und seine Familie mit sich hineinreisst in den fürchterlichen Abgrund eines jammervollen Menschenschicksals? Wer könnte sie vergessen, die furchtbaren, unser tiefstes Mitgefühl herausfordernden Schreckensszenen im Försterhause von Düsterwalde und im Heimlichen Grund? Es ist kein Zweifel, dieses Drama muss, wie auch Adolf Bartels bekennt, wegen seiner vollendeten Charakteristik und des meisterhaft getroffenen Miliens den grösten Leistungen auf dramatischem Gebiete zugesellt werden. Das geheimnisvolle Dunkel und das fast gespensterhafte Weben und Walten in diesem stillen Jägerhause, die unheilschwangere Atmosphäre, die uns umgibt, üben immer wieder ihren Zauber auf den Leser und noch mehr auf den Zuschauer aus: wir sind gefangen und wie in Bann getan.

Aber wie steht es mit dem künstlerischen Werte des so grossartig wirkenden dra- matischen Gebildes, wie mit der Motivierung und Kausalität der Handlung? Man mag hierüber nachdenken, so viel man will, man mag dem Dichter die weitgehendsten Zugeständ- nisse machen: man kommt nicht darüber hinaus, dass diejenigen nicht ganz im Unrecht sind, die behaupten, Ludwig habe in seinem Drama allzusehr das blinde Schicksal walten lassen und sogar dem blossen Zufall zu viel eingeräumt, wie z. B. beim Erschiessen der eigenen, ihm so teuren Tochter Marie. Nun muss sich aber bekanntlich die Tragik aus dem Charakter und dem Tun und Lassen der handelnden Personen heraus entwickeln, nicht infolge eines plötzlich in die Handlung eingreifenden Zufalls. Auch das starre Festhalten an einem eingebildeten Rechtsstandpunkte, der Erbförster will bekanntlich den Unter- schied zwischen einem Staats- und einem Privatbeamten nicht einsehen wirkt peinlich und nicht überzengend, wie sehr auch gar mancher seiner Aussprüche über das Menschen- und das Buchstabenrecht uns packen mag. Also diese Ausstellungen müssen wir machen. Trotzdem muss es gesagt sein: die einzelnen Personen, vom Erbförster bis herunter zu den beiden Wilddieben Frei und Lindenschmied sind Menschen von Fleisch und Blut; sie leben und sind frei von jeglichem Schemenhaften. Der Dialog ist knapp und packend. Die Sprache ist haarscharf den einzelnen Charaktertypen angepasst. Und eines noch vor allem: Der Dramatiker führt uns Menschen unseres Volkes vor Augen, die wir trotz ihrer Schwächen und Mängel als die Unsrigen erkennen und mit Interesse und teilweise mit Sympathie betrachten.

Im Jahre 1854 wurde des Dichters zweites grosses Drama aufgeführt,Die Makkabäer*-). Auch dieses Stück erfuhr die verschiedensten Beurteilungen. Adolf Stern, in seiner Einleitung zu dem Drama nennt es diemächtigste und lebensvollste historische Tragödie, die seit 1830 gedichtet worden sei, während Bartels wohl nicht ganz mit Unrecht auf die Priorität der Hebbel'schen Judith hinweist. Bartels Ausführungen über Ludwigs Anlehnungen an Shakespeare, z. B. an König Lear und an Hamlet, sind höchst beachtenswert, wenn sie auch nicht den Wert der Tragödie Ludwigs herabsetzen können. Kann man auch nicht in den überschwenglichen Bewunderungshymnus der einen einstimmen, so soll man andererseits nicht in kleinliche Nörgelei verfallen. So viel erscheint uns sicher: Ludwigs Makkabäer gehören zu den grossartigsten und wirkungsvollsten Tragödien der Weltliteratur, wenn das Drama auch im einzelnen teils grössere teils kleinere Schwächen zeigt. Hier gilt es aber vor allem, den Blick auf's Ganze zu lenken und nach der Gesamt- wirkung zu fragen. Da ist es nun keine Frage, dass wir es mit einem Werke zu tun haben, das nicht nur unsere Phantasie im hohen Masse beschäftigt, sondern auch auf den Leser und mehr noch auf den Zuschauer dermassen wirkt, dass die empfangenen Eindrücke

*) Das Werk von Schmidt-Oberlössnitz, Otto Ludwig-Studien, J. Die Makkabäer, war zur Zeit des Vortrages noch nicht erschienen.