— 414—
Flammen aufgingen. Der unglückliche Mann ersetzte nun aus seinem eigenen Vermögen die Fehlbeträge der Kasse, starb aber infolge aller dieser Aufregungen bald darauf. Der Oheim Otto trat nun für den jungen Ludwig als Vormund ein und liess ihn das Gymnasium zu Hildburghausen besuchen, auf dem er übrigens nur ein Jahr plieb. Denn seine Mutter war inzwischen krank geworden, und nach ihrem im Jahre 1832 erfolgten Tode bezog der junge Dichter das Lyzeum zu Saalfeld, das er wiederum nach kurzer Zeit verliess, da er sich nunmehr entschlossen hatte, in der Stille der Heimat sich zum Musiker auszubilden. Also hier schon: Unrast, Wechsel, Unsicherheit. Ueber seine gesundheit- lichen Verhältnisse, die bei ihm, ähnlich wie bei Hebbel, eine grosse Rolle spielen, sagt der Dichter selbst:„Körperliche Schmerzen und geistige Erschöpfung, bis zum Lebens- ſiberdrusse steigend; ich verliere den Glauben an meine Poesie, ohne Lust zu gewinnen zu einer anderen Beschäftigung.“ An einer anderen Stelle bezeichnet er diese Zeit seines Lebens als die glücklichste, offenbar, weil die Stille, die ihn bei seinen musikalischen Studien umgab, ihm äusserst wohltuend war. Er übte übrigens die Musik auch praktisch aus, indem er auf Jahrmärkten und Kirmessen gelegentlich aufspielte: ein tatsächlich fahrender Sänger. Daneben widmete er sich eifrig der Lektüre der deutschen Klassiker und der Romantiker.
Da er sich in dieser Periode seiner Entwickelung immer noch für musikalisch hoch- begabt hielt, so begann er nun auch zu komponieren und liess beispielsweise im Jahre 1837 in Eisfeld sein Singspiel„Die Geschwister“ aufführen. Im Jahre 1839 reiste er nach Leipzig, um, durch ein Stipendium von 300 Gulden unterstützt, seine musikalischen Studien bei Mendelssohn-Bartholdy fortzusetzen und zu vollenden. Nun aber brach die entsetzliche Krankheit aus, die ihm den Rest seiner Tage vergällen sollte. Rheumatismus, Atemnot, Brustkrämpfe, Erstickungsanfälle, vor allem aber völlige Nervenüberreizung liessen ihn nicht zur Ruhe und Sammlung kommen. Dabei führte er ein wahres Einsiedlerdasein. Bei dem allen ist erstaunenswert, dass, soweit wir sehen können, sein Geist immer stark und klar geblieben ist. Ins Jahr 1840 fällt sein charakteristischer Ausruf„Mir genügt das Vage der Musik nicht mehr; Gestalten muss ich haben“. Von 1840 bis 42 finden wir ihn abermals in seiner Vaterstadt Eisfeld. Mittlerweile aber waren die Verhältnisse im Hause seines Oheims der Art schlimme geworden(dieser wurde nämlich von einer dem Alkoholgenusse verfallenen Haushälterin wahrhaft despotisch behandelt), dass er nicht lange dort aushielt. Von 1842 bis 45 hielt er sich dann abwechselnd in Leipzig und Dresden auf, während er für die von Heinrich Laube redigierte Zeitung:„Für die elegante Welt“ einzelne Aufsätze und Novellen schrieb. In jene Periode fallen auch die ersten dramatischen Versuche des Dichters, wie z. B.„Agnes Bernauer“.
Nachdem ihn sein 1843 gestorbener Oheim zum Erben der Hälfte seines Vermögens eingesètzt hatte, zog er sich mehrere Jahre zu sorgenloser Arbeit nach der bei Meissen gelegenen Schleifmühle, im anmutigen Trebischtale, zurück. Hiermit sind wir am Ende des ersten Abschnitts seines Lebens und Wirkens angelangt.
Nun beginnt seine eigentliche dramatische Tätigkeit, vor allem seine Vorarbeiten zum„Erbförster“. Daneben schrieb er mehrere Novellen, wie die„Marquise von 0.“ und„Mariau. Bei der letztgenannten Dichtung sei darauf hingewiesen, dass der Verfasser in dem jungen„Eisener“ sich selbst gezeichnet hat, namentlich mit seiner Kurzsichtigkeit und seinem Hang zur Einsamkeit. In jener Zeit, 1844, verlobte er sich übrigens mit Emilie Winkler aus Meissen und war auch in der Folge an ihrer Seite ausserordentlich glücklich, wenn wir von seinem körperlichen Befinden absehen. Ende Oktober 1844 übersiedelte Ludwig nach Reudnitz, der bekannten Vorstadt von Leipzig. In jenen Tagen lernte er auch Hebbels Meisterwerke„Judith“ und„Maria Magdalena“ kennen. Den Rastlosen sehen wir dann 1845 abermals in der vorgenannten Schleifmühle,


