Aufsatz 
Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Otto Ludwigs Leben, Schaffen und Forschen

von Professor Dr. Wilh. Bauder (Nach einem Vortrage).

Unsere beiden Dichterheroen, Goethe und Schiller, haben beide nach einer Periode des Sturmes und des Dranges den Weg zum Klassizismus, unter begeisterter Anlehnung an die Ideen und Meisterwerke der Hellenen gesucht und gefunden. Sie waren und sind noch für uns, trotz aller Modernen, die Hohepriester der Humanität, der Schönheit und Wahrheit.

Die Romantiker sodann haben der Phantasie neuen Spielraum geschaffen, der Gefühlswelt mehr zu ihrem Rechte verholfen und die anmutigen Sagen und Märchen des deutschen Altertums wieder ans Licht gebracht und teilweise durch Neubearbeitungen er- gänzt. Auf dem Gebiete des Dramas und der Novelle bedienten sie sich vielfach, wie Tieck und Amadeus Hoffmann, der Ironie und der Satire als wirksamer Mittel. Nur ein Grosser unter ihnen schien berufen, dem Drama neue Bahnen zu weisen: der Dichter des Prinzen Friedrich von Homburg, Heinrich von Kleist. Allein den Gewaltigen fällte ein tragisches Geschick. Dann kamen die Jungdeutschen mit ihrer Tendenzpoesie, die Bannerträger des Liberalismus, das grosse deutsche Dramaaber und die Heimat- kunst, sie sollten noch geschaffen werden. Aber beide entstanden nicht, gleich Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus, oder wie ein Blitz. Sie mussten vielmehr mühsam wie aus tiefem Schachte geschürft und ans Licht gebracht werden.

Otto Ludwig ist geboren am 12. Februar 1813 zu Eisfeld an der Werra, im Meiningischen, im gleichen Jahre also wie Friedrich Hebbel und Richard Wagner. Sein Vater war Stadtsyndikus. Seine Mutter Christiane war die Tochter des Kaufmanns und Senators Otto. Schon als Knabe war er von schwächlicher Gesundheit. Sein Grossvater hatte einige Dramen geschrieben, während seine Mutter eine Verehrerin Shakespeares war und einen feinen Sinn für alles Poetische an den Tag legte. Schwere Schicksalsschläge brechen ums Jahr 1820 über die Familie herein. Während der Zeit der Befreiungskriege nämlich war das Kassenwesen der Stadt Eisfeld in Unordnung geraten, wie dies damals in ganz natürlicher Weise auch anderwürts vielfach der Fall war. Das abergläubische und auf- geregte Volk machte nun aber den Vater Ludwigs hierfür verantwortlich, und obwohl durch eine gerichtliche Untersuchung seine völlige Unschuld erwiesen wurde, beruhigten sich die Aufgeregten und Aufgestachelten nicht; ja, es entstand sogar ein ohne Zweifel angelegter Brand, bei dem die Amtswohnung des Syndikus und das Elternhaus seiner Frau in