Die räumliche Erweiterung der Erdkunde bis zu Strabos Zeiten ergab sich hauptsächlich aus den Feldzügen der Römer im nordwestlichen Europa, Germanien und dem Donaugebiete, aus den Mith- ridatischen Kümpfen in den Nachbarländern des Pontus Euxinus und der dauernder begründeten Herr- schaft der Parther im östlichen Iran(I 2, 1 C 14 und besonders II 1, 41 C 93 und II 5, 12 C 118). Daß er auf Grund dieses Zuwachses auch eine wesentliche Erweiterung der Karte für angezeigt hielt, geht schon aus seinem Widerspruch gegen Hipparch hervor, der trotz der macedonischen Eroberungs- züge die von Eratosthenos unternommene neue Redaktion der Karte bekämpft hatte(II 1, 4 G 69). Weiteste Grenze des Forschungsgebietes ist aber, wie schon gesagt, die kumene mit Ausschluß aller übrigen Räume und der Erde als eines Himmelskörpers, deren Untersuchung die Sache des Mathema- tikers ist(I 4, 6 C 65, II 5, 13 G 118, II 5, 34 C 132). In der Benutzung des ihm überlieferten Stoffes will Strabo kritische Prüfung anstellen, auch den größten Autoritäten gegenüber, besonders wenn das Vorgefundene nicht sicher beglaubigt ist(X 2, 24 C 461); ¹) im polemischen Verfahren— aber auch oft, wie von Berger in den angeführten Schriften erwiesen, in gesuchter und spitzfindiger Dialektik— findet er mit die Berechtigung seiner eignen Arbeit.
Da er öfters, zumal in der Hauptstelle II 5, 11 C 117, sich auf seine Reisen etwas zu gute thut, so hält er auch solche für den Geographen erforderlich. Wie er diese ausgenützt wissen will, zeigen die zahlreichen auf Autopsie berubenden Angaben über Agypten, insbesondere auch die genaue Topographie Alexandrias(XVII 1, 6 ff. C 791 ff.) und Korinths(VIII 6, 20— 23 G 378 ff). Immer- hin ist es in der eigentlichen Erdkunde wie in den geschichtlichen Beigaben nur ein verschwindend kleiner Teil des Ganzen, das er als sein zugebrachtes Eigentum beanspruchen kann, der unverhältnis- müäßzig größere Teil ist schriftlichen Quellen entnommen, sein Werk hat in dieser Beziehung mit den modernen geographischen Lehrbüchern ganz gleiche Entstehungsweise. Dies sein Verhältnis zu den Quellen betont er selbst in XIII 4, 12 C 629. Ja er hält in arger Übertreibung das Ohr, d. h. nach dem Zusammenhang der Stelle die Überlieferung anderer für die Wissenschaft für wertvoller als das Auge, die Autopsie(II 5, 11 C 117).
Was das Maß des aufzunehmenden Stoffes und seine Verarbeitung anlangt, so befolgt Strabo auch hier die Grundsätze des Polybius, der III, 36 zwar ein reiches Detail fordert, aber die ploße An- führung von Namen, besonders bei weniger bekannten Gegenden, deshalb verwirft, weil die Vorstellung dabei leer sei und sich an nichts anlehnen könne. Und in der Scheu vor trockenen Aufzühlungen, die allerdings nicht gänzlich fehlen, zeigt Strabo eine bemerkenswerte Gewandtheit und Vielseitigkeit, die auch auf seinen Stil kein ungünstiges Licht wirft und seine Komposition von den langweiligen Namenreihen des Plinius vorteilhaft unterscheidet. ²) Ich rechne dahin auch die zahlreichen interes- santen Beigaben über merkwürdige Volksgebräuche ³) und Charakterzüge¹), Anekdoten?), witzige Be-
z) Doch dürfe man die Nachrichten und besonders die Größenangaben über weit entlegene Länder nicht zu genau nehmen(XI 6, 1 C 507).
²) Man vergleiche nur Str. XVI 2, 7 C 750 f. mit Plin. n. h. V, 17 und 18.
³) Aus einer Legion von Beispielen nur einzelnes: III 5, 1 C 168 Die Knaben auf den Balearen er- halten nur ihr Brot, wenn sie es mit der Schleuder aus der Ferne treffen; III 3, 7 C 155 im spanischen Baste- tania tanzen Männer und Weiber gemeinschaftlich.
¹) III 4, 16 C 164 Die faulen, stets auf der Erde liegenden Vettonen halten die lustwandelnden römi- schen Offiziere für wahnsinnig.
⁵) IV 6, 7 C 205 Die Salasser in den Alpen werfen Felsstücke auf Cäsars Heer und entschuldigen sich damit, sie seien in der Pflasterung ihrer Wege begriffen.


