Aufsatz 
Über Strabos Geographica, insbesondere über Plan und Ausführung des Werkes und Strabos Stellung zu seinen Vorgängern
Entstehung
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Bei Besprechung der Nachrichten des Pytheas über Thule erklärt Strabo wiederholt(I 4, 3 C 63 und II 5, 8 C 114), daß er bei allen andern Schriftstellern, die von Britannien und Irland redeten und selbst kleinere Inseln nicht übersehen hätten, doch von jener nichts gefunden habe. Was des Massilioten astronomische Beobachtungen anlangt, so läßt er ihnen Gerechtigkeit widerfahren(IV 5, 5 G 201).

So dürfte denn Strabo, wie sehr er auch sonst die Bedeutung jenes Mannes verkannt hat, doch keineswegs die harten Worte Müllenhoffs verdienen, die über den bemerkten Streitpunkt hinaus ein allzu ungünstiges Licht auf ihn geworfen haben. Was es überhaupt mit dem Herausgreifen ein- zelner Sätze zu bedeuten hat, das zeigen Müllenhoffs Bemerkungen über Hipparch a. a. 0 S. 327 und die völlige Zurücknahme derselben in den Nachträgen des 1. Bandes S. 500.

Im Zusammenhang dagegen und mit Aufbietung alles Scharfsinns und großer Gelehrsamkeit hat H. Berger in seinen Mustersammlungen der Fragmente des Hipparch und des Eratosthenes 4) das Verhältnis Strabos zu diesen großzen Männern untersucht und erwiesen, daß derselbe auf mathematisch-physikalischem Gebiete diesen seinen Vorgängern nicht nur nicht gewachsen war, sondern auch im Bestreben an ihnen Kritik zu üben häufig einzelne, auch nebensächliche Punkte hervor- gehoben und an ihnen seine dialektische Gewandtheit, ja Spitzfindigkeit gezeigt, dagegen die Herstellung des Zusammenhangs und die Betonung der Hauptfragen wiederbolt unterlassen habe. Infolge dieser Untersuchungen, die doch im großen und ganzen nur zwei der 17 Bücher der Geographica und auch diese nur nach der berührten Seite hin umfassen, ist weiterhin das Ansehen Strabos derart erschüttert worden, daßz man ihm entweder so ziemlich jede Bedeutung auf dem geographischen Gebiete absprach und nur seine Leistungen als Historiker anerkannte*), oder aber ihn überhaupt für einen Mann von geistiger Beschränktheit erklärte, dessen Wert hauptsächlich in der Überlieferung eines so reichen und ohne ihn unserer Kenntnis entzogenen Materials bestehe³). Jener Meinung möchte ich entgegnen, daß die Unfähigkeit im Fache der historischen Geographie, deren Aufgabe im Sinne der Alten zum bedeutenden Teile in der Verarbeitung des überlieferten Stoffes bestand, Strabos Wert auch als Historiker in Prage stellen würde; nach letzterer Ansicht teilte er also mit dem Lexikographen Suidas die zweifelhafte Ehre ein pecus aurei velleris zu sein.

Ich glaube, daßz Strabo auch in der Geographie unbestreitbar eigne Verdienste hat. Sie liegen einerseits auf dem Gebiete der Chorographie und Ethnographie, andererseits aber in der Erkenntnis der Zusammengehörigkeit und wechselseitigen Durchdringung der einzelnen geographischen Faktoren eines Erdraumes und in der dementsprechenden Beibringung und Verwertung eines überaus reichhaltigen Beweismaterials. Dieses ist sehr wohl geeignet, auf der Grundlage der physischen Beschaffenheit des Landes, seien es Vorzüge oder Hemmnisse, das geschichtliche Leben der Völker nach den verschiedensten Seiten hin in anschaulicher Weise zur Darstellung zu bringen. Er berichtet von den Wanderungen der Stämme, der Gründung und Verwaltung der Staaten, dem Entstehen, Wachstum und Verfall der Städte nach Maßgabe ihrer geographischen Lage, dem Handel und Wandel der Völker, ihrer Bedeutung für Künste und Wissenschaften, ihrer Arbeit zur Ausnutzung oder Überwindung natürlich gegebener Ver- hältnisse, von Verkehrswegen mannigfacher Art, der Gewinnung und Verwertung der Landes-Produkte aus allen Naturreichen u. s. w. Nicht minder ist das s. g. vergleichende Moment zur Geltung ge-

¹) Die geographischen Fragmente des Hipparch, Leipzig 1869. Die geographischen Fragmente des Eratosthenes, Leipzig 1880.

²) Niese, Hermes Bd. 13, S. 44 f.

³) H. Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie, Berlin 1878, S. 7.