Aufsatz 
Die Mnemonik und Stenographie als Mittel zur leichteren und sicheren Bewältigung des Unterrichtsmaterials in Real- und Höheren Bürgerschulen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Einführung der Mnemonik und Stenographie in den oberen Klaſſen vor.

Ich nenne hier, wenigſtens bezüglich der Mnemonik, durch⸗ aus nichts Neues; denn an allen Orten und zu allen Zei⸗ ten, wo Vieles und Vielerlei gelehrt wurde, begegenen wir ei⸗ ner mehr oder minder ausgebildeten Mnemonik. Simonides) iſt der Sage nach der Erfinder derſelben. Während er bei einem Mahle hinausgerufen ward, ſtürzte der Speiſeſaal zuſammen, und er ſoll nur die bis zur Unkenntlichkeit entſtellten Leichen dadurch erkannt haben, daß er ſich noch genau erinnerte, wie ſie geſeſſen hatten und ſo auf die Idee ſeiner Kunſt geleitet worden ſein, worin er auch noch ſpäter merkwürdige Proben abgelegt haben ſoll. Pythagoras, ein Zeitgenoſſe des Simonides, kannte und lehrte ebenfalls eine Gedächtnißkunſt, wenigſtens lautet eine Stelle in einem Fragmente des Pythagoräers Mi⸗ mas dem Inhalte nach folgendermaßen:Eine der wichtigſten und im gemeinen Leben brauchbarſten Erfindungen iſt die Er⸗ innerungswiſſenſchaft, welche ſowohl für die Philoſophie, als für die Wiſſenſchaft überhaupt ſehr nützlich iſt. Sie beſteht darin, daß man erſtens das Gemüth ſammle und anſtrenge, zweitens das Gehörte öfters bei ſich ſelbſt wiederhole und drittens das Gehörte in Bilder unſchaffe, z. B. ſtatt des Johan⸗ neswürmchens ſetze man Feuer und Glanz, ſtatt der Tapferkeit den Achilles oder Mars ꝛc. Metrodorus wird von Pli⸗ nius als derjenige genannt, welcher die Mnemonik weiter aus⸗ bildete und ihr eine ſyſtematiſche Geſtalt gab. Darauf wurde alles zu Merkende in einem Bild dargeſtellt, und dann dasſelbe auf einen von den Ordnungsplätzen niedergelegt, die vorher ein für allemal feſt beſtimmt waren?**). Quintilian bemerkt, das Metrodorus die 360 Stufen der Himmelszeichen als ſeine Ord⸗ nungsplätze genommen.

*) Simonides 558468 v. Ch. war ein griechiſcher Dichter aus Keos, einer der Cyeladiſchen Inſeln. Seine Gedichte machten ihn zum Lieb⸗ ling der Könige Pauſanias von Lacedämon und Hiero von Syra⸗ kus. Begeiſtert für Vaterland und Heldenmuth, ſang er die großen Er⸗ eigniſſe ſeiner Zeit die Schlachten bei Marathon und Salamis in Elegieen, Epigrammen und Oden. Plato nennt ihneinen weiſen und göttlichen Mann.

**) Um eine große Anzahl dieſer Gedächtnißplätze zur Dispoſition zu ha⸗ ben, dachte man ſich eine aus 10 Quartieren beſtehende Stadt, jedes dieſer Quartiere zählte 10 Häuſer, jedes Haus 10 Zimmer, jedes Zim⸗ mer etwa 50 oder 100 Quadrate oder Gedächtnißplätze theils auf dem Fußboden, theils an den 4 Wänden und der Decke; dieſe Quadrate wurden numerirt. Wollte man ſich hiernach z. B. die Erfindung der Buchdruckerkunſt 1436 einprägen, ſo wurde das Faktum etwa durch das Bild eines Buches dargeſtellt, und daſſelbe nach Angabe der Zahlen 1,