Aufsatz 
Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzoglichen Realschule zu Wimpfen a. Neckar am 2. und 3. April 1897
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Bischof der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb dem Kaiser zu Lehen gegeben; das Lehensverhältnis geriet aber sehr bald in Vergessenheit und die Stadt wurde eine völlig kaiserliche, um sich etwa 100 Jahre später in eine freie Reichsstadt umauwandeln. Auch in der reichen und blühenden Reichsstadt selbst, die gerade in jener Zeit eine weit grössere Bedeutung und wahrscheinlich auch einen grösseren Umtang hatte als heute, wurde zweifelsohne bald eine Schule gegründet; eine solche wird urkundlich erwähnt im 14. und 15, Jahrhundert. Ob sie als Naehfolgerin der Stiftsschule zu betrachten ist, oder ob diese neben ihr noch fortbestand, ist bis jetzt nicht bekannt. Eine genaue Dureh- forschung der noch zerstreut vorhandenen Urkunden dürfte vielleicht zu ganz beachtenswerten Ergebnissen führen, und zwar nicht nur hinsichtlich dicser Schulen, sondern auch der Schulverhältnisse im allgemeinen.

In besonderer Blüte scheint die Schule in der Reichsstadt am Anfang des 17. Jahr- hunderts, vor Ausbruch des 30 jäbrigen Krieges, gestanden zu haben, nachdem im Jahre 1602 8 neue Schulordnung eingeführt worden war. Dass neben Latein auch Grieehisch) gelehrt wurde, geht daraus hervor, dass der Rat auf eigene Kosten griechische und lateinische Grammatiken drucken liess und sie an die Schüler zu billigen Preisen abgab. Auch die übrigen Schulbücher, die, gewöhulich auf der Leipziger Messe gekauft wurden, erhiolten die Schüler zu crmässigten Preisen.

Im dreissigjährigen Kriege wurde Wumpfen fasst ganz zerstört und aller seiner Ein- künfte beraubt; es hat sich seitdqem nicht mehr zur alten Blüte emporschwingen können, wozu freilich auch seine Lage auf dem Berge beiträgt, die, ebedem zwar günstig, nun aber der Eutwicklung sehr hinderlich ist Die höhere Schule wird sich allmählich auch wieder aus den Trümmern erhoben haben, allein zu rechter Blüte ist sie nicht mehr ge- kommen In unserem Jahrhundert war sie gewissermassen mit der allgemeinen Volks- schule verpunden und wurde unter der Bezeichnung Lateinschule vom zweiten evan- gelischen Pfarrer alsRektor geleitet. In seinen Händen lag fast aller Unterricht, den die Schüler nicht gemeinsam mit den Volksschülern hatten.

Aus einemLehrplan der lateinischen Schulezu Wimpfen im Re- gierungsbezirk Erbach für das Schuljahr 1851/2 entnehmen wir, dass diese Schule damals von 15 Knaben vom 10. bis zum 15. Lebensjahrfreiwillig besucht wurde. In der lateinischen Sprache(vöchentlich 6 Stunden) und in der franzö- sischen Sprache(wöchentlich 5 Stunden) wurden die Schüler in zwei Ahteilungen, in denübrigen Gegenständen zusammen unterrichtet. Unter diesen übrigen Gegen- ständen ist zu verstehen:; Deutsch(wöchentlich 2 Stunden), Geschichte(2 Stunden) Geographie(2 Stunden), Geometrie(1, Stunde) und Naturlehre(2 Stunden). In allen weiteren Fächern, sowie in noch 2 Stunden Deutsch wurden die Schüler der Lateinschule, die auch den Namen I. evangelische Knabenschule führte, mit den Schülern der II, evan- gelischen Knabenschule(erste Volksschulklasse) gemeinsam unterrichtet. Der Unterricht in Religion(5 Stunden, wovon zwei der erste evangelische Geistliche erteilte), Latein, Französisch, Geschichte und Geographie lag in der Hand des Rektors, Draudt, in den andern Fächern unterrichtete der Lehrer Mayer, in Gesang und Zeichnen der Lehrer Usinger, beide an der Stadtschule. Der Unterricht dauerte vormittags im Sommer von 7 11 Uhr, im Winter von 812; nachmittags während des ganzen Jahres von 14 Uhr; Mittwoch und Samstag Nachmittag nur von 1 2; im ganzen hatten also die Schüler die erkleckliche Zahl von 38 Unterrichtsstunden!

*) Vergl. Georg Simler in III dieser Festschrift.

3