II. Die Realschule zu Wimpfen
während der ersten 25 lJahre ihres Bestehens 1872— 1897.
Von Direktor Dr. Kemmer.
Die Grossherzogliche Realschule zu Wimpfen am Neckar blickt am Schlusse dieses Schuljahres auf ihr 25jähriges Bestehen zurück. Wenn ein Viertel- jahrhundert im allgemeinen auch keine lange Zeitdauer ist, so haben doch die eisten 25 Jahre für die meisten Schulen eine besondere Wichtigkeit, sie sind die Zeit der Ent- stehung, Entwicklung und Ausbildung, sie gleichen der Kindheit der Menschen, in der zumeist mannigfache Störungen eintreten und Krankheiten zu überwinden sind; denn nur selten tritt eine Schule fertig ins Dasein, wie Athene dem Haupte des Zeus entsprang. Und wie die meisten Menschen im späteren Leben mit Vorliebe an ihre Kindheit zurück- denken, so dürfen wir wohl hoffen, dass die zahlreichen Freunde und Gönner unserer Anstalt, die Lehrer, die an ihr wirkten und zum Teil noch wirken, und die vielen Schüler von hier und auswärts, die ihre Bildung in ihr ompfiugen und darauf ihre Lebensstellung begründeten oder zu begründen im Begriffe stehen, regen Anteil an der Kindheit dieser Schule nehmen und den nachfolgenden Blättern einige Aufmerksamkeit schenken werden.
A. Einleitung. Die lateinschule.
Die Neugründung von Schulen fällt gewöhnlich in eine Zeit des materiellen Auf- schwungs, des sich mehrenden Wohlstandes. In dem Masse, als die Lebensbedingungen günstiger werden, die Erlangung des Lebensunterhaltes leichter wird, tritt das Bedürfnis nach geistiger Ausbildung hervor, die frei werdenden Kräfte wenden sich der Kunst und Wissenschaft in allen ihren Formen zu.
Die Versuche Karls des Grossen, höhere und niedere Schulen zu gründen und die allgemeine Schulpflicht einzuführen, mussten scheitern, da die notwendigen Grundlagen dafür noch nicht vorhanden waren. Diese fanden sich am frühesten in den Klöstern, und daher finden wir denn auch zuerst Klosterschulen, dann Dom- und Stiftsschulen. Aus diesen sind allmählich unsere ältesten höheren Schulen hervorgegangen.
Dass auch mit dem seiner Zeit reichen Ritterstift St. Peter zu Wimpfen i. Th. frübzeitig eine Stiftsschule verbunden war, ist bekannt; wird doch bereits im Jahre 1278 zum Andenken an den sogenannten zweiten Gründer des Ritterstifts, an Richard von Dietersheim, eine Stiftung an 13 arme Scholaren erwähnt. Wir dürfen annehmen, dass diese Sohnle, von zeitwoisen Unterbrechungen vielleicht abgesehen, niemals ganz eingegangen ist und dass sie infolge dessen in gewissem Sinne als die Grund. lage unserer jetzigen höheren Schule angesehen werden kann. Denn damals gehörte die Stadt wie das Ritterstift dem Bischof von Worms. Im Jahre 1220 wurde die Stadt vom


