Aufsatz 
Goethes Faust am Hofe des Kaisers
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

In dieſer Anweiſung Mephiſtos können die Wortejener That unddann nur auf den Raub des Dreifußes bezogen werden.Göttin nennt Mephiſto die Helena auch ſonſt(V. 9949). Wenn der Weihrauchsdampf ſich in die gewünſchten Geſtalten verwandelt, ſo werden dieſe von Fauſt nicht irgend⸗ woher beſchworen oder gar aus dem Mütterreich mitgebracht. Es iſt vielmehr angenommen, daß der Magier durch den Raub des Dreifußes Macht erhält über die Mütter, ſodaß erin ihrem Namen, gewiſſermaßen als ihr Stellvertreter wirken kann(V. 6427). Wie die Mütter einſt Paris und Helena geſchaffen haben, ſo kann der mit den Müttern verbündete Magier getreue Nachbilder jener Perſonen im Weihrauchsdunſt hervorrufen. Einmal hervorgerufen, haben dieſe Schemen eigenen Willen und werden deshalb als Geſpenſter oder Geiſter bezeichnet. Daß ſie aber erſt bei der Aufführung geſchaffen werden, bemerkt Mephiſto ja noch einmal ausdrücklich, indem er dem von der Helena begeiſterten Fauſt zuruft: Machſt Du's doch ſelbſt das Fratzengeiſterſpiel!

Man darf bei dieſer ſeltſamen Begebenheit nicht vergeſſen, daß der Dichter ein Wunder ſchildern will. Gleich zu Beginn der Geiſterſzene wird darauf hingewieſen:

Durch magiſch Wort ſei die Vernunft gebunden; Dagegen weit heran bewege frei

Sich herrliche verwegne Phantaſei.

Mit Augen ſchaut nun was ihr kühn begehrt, Unmöglich iſt's, drum eben glaubenswerth.

Daß der Dichter ſeinen Fauſt mit dem Hokuspokus ſolcher Zauberkünſte belaſtet hat, kann bei der Natur des überlieferten Stoffes nicht getadelt werden. Fauſt hat ja auch einen Drudenfuß an der Schwelle ſeines Studierzimmers. Wohl aber muß die Frage aufgeworfen werden, weshalb Goethe das Mütter⸗ motiv überhaupt eingeführt hat. Nach dem früheren Plan des Dichters, ſollten Fauſt und Mephiſto die Geſtalten von Paris und Helena ohne weitere Umſtände hervorzaubern(Paralip. 63 und 123). Niemand würde ſich wundern, wenn er das in der phantaſtiſchen Dichtung ausgeführt ſähe, wie ſich ja auch niemand darüber wundert, daß Fauſt den Erdgeiſt beſchwört. Wenn alſo Goethe bei der Vollen⸗ dung der Fauſtdichtung den Mythus von den Müttern einſchob, ſo tat er es ſicherlich nicht, um die Hexerei der Geiſterſzene zu komplizieren, ſondern er verfolgte mit der Eindichtung einen beſonderen Zweck.

Der Gang zu den Müttern bot eine gute Gelegenheit, Fauſt einen Einblick gewinnen zu laſſen in Geſetze, welche nach Goethes Anſchauung die Natur bei der Bildung organiſcher Weſen befolgt, und deren Kenntnis ſeiner Meinung nach auch für die äſthetiſche Betrachtung notwendig iſt. Was für Goethe die beglückende Frucht langjähriger Studien war, erwirbt ſich der Held der Dichtung durch den Gang zu den Müttern. Dieſe Erweiterung von Fauſts geiſtigem Horizont iſt in der Dichtung für denjenigen, der mit Goethes Theorien bekannt iſt, deutlich genug bezeichnet. Sie führt aber auf ein ganz anderes Thema als das hier behandelte und mag deshalb unerörtert bleiben. Die tiefere Bedeutung des Ganges zu den Müttern haben alle diejenigen richtig empfunden, die geſagt haben, es werde hier ein inneres Erlebnis Fauſts geſchildert. Nur vermißt man bei dieſer Auffaſſung die Einſicht, daß in der Dichtung Fauſts Gang zu den Müttern ebenſo naiv hingenommen werden muß, wie etwa ſein Beſuch auf dem Blocksberg.

Nach der Rückkehr aus dem Reich der Mütter bekennt Fauſt eine hohe Begeiſterung für die übernommene Aufgabe. Hatte er vorher die bittere Bemerkung nicht unterdrücken können, der Kaiſer wolle durch die Erſcheinungen nuramüſiert werden, ſo hegt er jetzt die feſte Ueberzeugung, ſein Ge⸗ fühl für das Schöne auf andere übertragen zu können.