Aufsatz 
Goethes Faust am Hofe des Kaisers
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

Will man Metall, ein Wechsler iſt bereit, Und fehlt es da, ſo gräbt man eine Zeit. Pokal und Kette wird verauktioniert,

Und das Papier, ſogleich amortiſiert, Beſchämt den Zweifler der uns frech verhöhnt. Man will nichts anders, iſt daran gewöhnt. So bleibt von nun an allen Kaiſer⸗Landen An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.

An dem Hofe denkt niemand mehr an Arbeit, ſondern jeder an Genuß. Gedankenlos treiben ſie dem Staats⸗ bankrott entgegen, den wir uns nach dem Ende der franzöſiſchen Aſſignatenwirtſchaft ausmalen dürfen.

IV.

Die Geiſterſzene.

Nachdem Fauſts Wunſch, in das Staatsleben perſönlich einzugreifen, ſo kläglich geſcheitert iſt, macht er noch einmal auf idealem Gebiet den Verſuch, auf andere einzuwirken: er zeigt dem Kaiſer und der Hofgeſellſchaft das Schöne in der Hoffnung, ihre Begeiſterung dafür zu erwecken.

Bei der Ausführung dieſes Motivs hat ſich Goethe an die überlieferte Sage angelehnt, die ja überhaupt auf die Formgebung einen mächtigen Einfluß ausgeübt hat. Der Gehalt freilich ſtammt überall aus Goethes Welt⸗ und Lebensanſchauung und kann nur aus ihr begriffen werden. Auf einem gewiſſen Mißverhältnis zwiſchen dem überlieferten Stoff und dem von dem Dichter hineingelegten Ge⸗ halt beruht hier wie anderwärts die eigentliche Schwierigkeit der Dichtung.

Im Volksbuch, bei Marlowe und im Puppenſpiel zitiert Fauſt bei verſchiedenen Gelegenheiten die Geiſter von berühmten Perſonen vor ſeinem ſtaunenden Publikum. Auch Helena weiß er herbeizu⸗ zaubern. So ruft Goethes Fauſt vor dem Kaiſer die Geſtalten von Paris und Helena hervor, des ſchönſten Mannes und der ſchönſten Frau.

Das magiſche Kunſtſtück gelingt ihm aber nicht ſo leicht, wie dem Fauſt der Volksſage die ſeinigen. In einer der Beſchwörung vorausgehenden Szene erklärt ihm Mephiſto, er ſelbſt könne ihm dabei nicht helfen, da er im klaſſiſchen Hades nichts zu ſagen habe. Doch gebe es ein Mittel, der Gang zu den Müttern.

Die Mütter ſind als Göttinnen gedacht, die allem organiſchen Leben auf der Erde ſeine Geſtalt geben. In einem bekannten Gedicht ſagt Goethe, er fühle ſichan jenes Meer entrückt, das flutend ſtrömt geſteigerte Geſtalten. An Stelle der Vorſtellung von einem Meere tritt in der Fauſtdichtung die von dem Reich der Mütter. Dieſen Göttinnen ſoll Fauſt nach Mephiſtos Rat ihren Dreifuß rauben, dann werde ſich bei magiſcher Behandlung der Weihrauchsdampf in die verlangten Geſtalten verwandeln.

Und haſt du ihn einmal hierhergebracht, So rufſt du Held und Heldin aus der Nacht, Der erſte der ſich jener That erdreiſtet; Sie iſt gethan und du haſt es geleiſtet. Dann muß fortan, nach magiſchem Behandlen, Der Weihrauchsnebel ſich in Götter wandlen. 2*