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Was wir ohne dieſe Kraft entbehren würden, faßt Schiller in dem Gedicht„Poeſie des Lebens“ zuſammen: „— Du— blickt, mein ſtrenger Freund, Aus der Erfahrung ſicherm Porte Verwerfend hin auf alles, was nur ſcheint. Erſchreckt von deinem ernſten Worte, Entflieht der Liebesgötter Schar; Der Muſen Spiel verſtummt, es ruhn der Horen Tänze. Still trauernd nehmen ihre Kränze Die Schweſtergöttinnen vom ſchön gelockten Haar; Apoll zerbricht die goldne Leier Und Hermes ſeinen Wunderſtab; Des Traumes roſenfarbner Schleier Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab. Die Welt ſcheint, was ſie iſt, ein Grab.“
Dieſes Reich holden Scheins kann ſich nach Fauſts Meinung der Menſch nicht oder nur kümmerlich ſchaffen, wenn er im Zwange der Dürftigkeit dahinlebt und alle Kräfte für das Notwendige gebraucht. Dieſer Gedanke wird in der Allegorie dadurch ausgedrückt, daß ſich der Knabe Lenker gern in den Dienſt des Plutus ſtellt; er betrachtet ihn als ſeinen„nächſten Anverwandten“. Aber auch Plutus weiß, daß das Behagen, das er ſelbſt dem Menſchen ſchafft, geſchmückt und geadelt wird durch die Tätigkeit des Knaben. Ihm dankt er den Lorbeer, den er auf der Stirne trägt, und den er am höchſten ſchätzt von allen ſeinen Kronen. So ſtellt er dem Knaben das Zeugnis aus, er ſei ſein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen habe.
„Fauſt nimmt Alles, was irgend von Geiſt und Kenntnis in ſeinem Kopfe iſt, zuſammen und ſpricht von den erhabenſten Gegenſtänden.“ So hieß es ſchon in dem alten Plan von Fauſts Verkehr mit dem Kaiſer. Hier erſcheint das Motiv in der Dichtung.) Gemäß den Geſinnungen, die Fauſt hier allegoriſch ausdrückt, müſſen wir uns ſeinen Verkehr mit dem Kaiſer denken. Er will dem Kaiſer den erſehnten Reichtum ſchaffen, aber nicht durch ein Wunder, ſondern wie ſo mancher Idealiſt an den verſchuldeten Höfen des achtzehnten Jahrhunderts, durch vernünftige Förderung aller Tätigkeiten. Und der durch die Entfeſſelung der produktiven Kräfte geſchaffene Reichtum ſoll nicht in ſchalen Vergnügungen vergeudet werden, ſondern geſtatten ein Mediceiſches Regiment zu führen.
Die Gedanken und Wünſche, die Fauſt bewegen, ſtehen zu der Geſinnung des Hofes, wie ſie beſonders in den Verhandlungen des Staatsrates zutage tritt, in einem ſchneidenden Gegenſatz. Der Kaiſer und die Seinen wollen keine Vertröſtungen auf die Zukunft, ſondern ſofortige Hilfe aus pein⸗ licher Verlegenheit, keine Ideale, ſondern Geld, keine Tätigkeit, ſondern Vergnügen. Was ſoll ihnen Fauſts Hymnus auf die menſchliche Arbeit!
„Droben aber auf der Zinne Jene Göttin mit behenden
¹) Fauſt ſollte am Schluß der Maskerade ſeine Abſichten deutlich ausſprechen, vgl. Paral. 106„Fauſt den Heroldſtab faſſend enthüllt das Ganze“. Der ſchon oft gemachte Verſuch, den ganzen Maskenzug in Abhängig⸗ keit von Fauſt zu bringen, iſt nicht durchführbar. Möglich wäre es noch bei den Gruppen der Grazien, Furien und Parzen. Dafür ſpricht ihr didaktiſcher Charakter und die Lesarten zu Vers 5504(„Grazien waren ſchon ver⸗ dächtig“). Daß der von den deutſchen Faſtnachtsſpielen mit ihren„Teufels⸗, Narren⸗ und Totentänzen“ abweichende ganz italieniſche Charakter des Maskenzuges zu den ſpäteren antiken Partien leiſe überleitet und auch dadurch in, der Dichtung äſthetiſch berechtigt iſt, hat ſchon Weiße(S. 178) bemerkt.


