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als ein fremdartiges Element bezeichnet. Fauſt wirkt hierbei nicht nur als Plutus mit, ſondern von ihm ſtammen auch die Gedanken, die in dieſen beiden Gruppen allegoriſch dargeſtellt werden.
In der erſten Gruppe wird Victorie,„die Göttin aller Thätigkeiten“, verherrlicht und die Klug⸗ heit geprieſen, welche Hoffnung und Furcht, die zwei ſchlimmſten Menſchenfeinde, gefeſſelt hält. Neid und böſer Wille, die ewigen Feinde jener Victorie, werden als Zoilo⸗Therſites gegeißelt. Was Fauſt hier andeutet, wird in Goethes ethiſchen Betrachtungen oft berührt: der Menſch ſoll den Augenblick er⸗ greifen und ihn durch Tätigkeit adeln. Das Hinſtarren auf das Kommende ſei denen überlaſſen, von welchen es in den„Zahmen Xenien“ heißt:
„Was iſt ein Philiſter? Ein hohler Darm, Mit Furcht und Hoffnung ausgefüllt, daß Gott erbarm!“
Auf Neid und Bosheit blickte Goethe mit der Gelaſſenheit Spinozas, der ſie aus dem endlichen Weſen des Menſchen als notwendige Uebel abgeleitet hatte. Im Einklang mit Spinozas Ausführungen heißt es in den„Sprüchen in Proſa“:„Die empiriſch⸗ſittliche Welt beſteht größtentheils nur aus böſem Willen und Neid“. Derſelbe Gedanke erſcheint im„Divan“:
„Uebers Niederträchtige Niemand ſich beklage! Denn es iſt das Mächtige, Was man Dir auch ſage.“)
Von dieſer Reſignation iſt der Fauſt des Maskenfeſtes noch weit entfernt. Die lebhafte Abneigung gegen jene Uebel, die er durch die Figur des Zoilo⸗Therſites mit didaktiſcher Abſicht zum Ausdruck bringt, charakteriſiert ihn als einen Idealiſten, dem„Höheres, Unmögliches“ vorſchwebt.
In der nächſten Gruppe erſcheint Plutus, der Gott des Reichtums. Seine wohlverſchloſſene Schatzkiſte hütet der Geiz, ein geheimnisvoller Knabe lenkt das Viergeſpann. Die Figur des Plutus iſt hier ganz anders behandelt als etwa in Lukians„Timon“ oder in dem Kampfgeſpräch von Hans Sachs, wo der Gott zum Troſt für alle diejenigen, die nichts haben, möglichſt ſchlecht gemacht wird. Hier in dem Maskenſpiel werden die wohltätigen Folgen des Reichtums verherrlicht. Ein König„reich und milde“ iſt Plutus der Schöpfer alles Behagens, der Beſchützer des„Knaben Lenker“.
In dieſem iſt die Poeſie perſönlich dargeſtellt. Darunter kann man hier natürlich nicht die Kunſt verſtehen, die ſich der Worte als Zeichen bedient.„Poeſie“ iſt hier in einem viel weiteren Sinn genommen, als die innere Schöpfungskraft, die den Menſchen befähigt, zu der realen Welt eine Welt des Scheins hinzuzudichten. Nach Goethes Sprachgebrauch übt jeder Menſch dieſe Fähigkeit aus, der ſeinen Zuſtand, von welcher Art er auch ſei, mit Wert und Anmut einigermaßen umkleidet.„Wenn uns die Erzeugniſſe des eigenen Grund und Bodens am beſten ſchmecken, wenn wir glauben durch Früchte aus unſerem Garten auch Freunden das ſchmackhafteſte Mahl zu bereiten, dieſe Ueberzeugung iſt ſchon eine Art von Poeſie, welche der künſtleriſche Genius in ſich nur weiter ausbildet.“ ²)
¹) Vgl. von Loeper zu„Sprüche in Proſa“ 183.
²) Goethe in der Rezenſion der Voßſchen Gedichte, ogl. Sprüche in Proſa 247. In den Handſchriften heißt der Knabe Lenker zuweilen Euphorion. Das iſt eine Beſtätigung für Goethes Angabe, daß der Knabe Lenker das⸗ ſelbe allegoriſche Weſen ſei, welches am Ende des 3. Aktes auftrete. Jede Erklärung der„Helena“ ſollte von dieſer Tatſache ausgehen.


