— 17—
Phylen. Der delphische Gott hatte so geboten¹). Von einer besonders ehrenvollen Stellung der Phyle Aiantis sollte man indes nicht reden. Dass ihre Angehôrigen in der Schlacht bei Marathon den Ehrenposten auf dem rechten Flügel einnahmen, hängt nicht damit zusammen, dass Aias vor Troja auf einem Flügel stand(Welcker), sondern dass der Polemarch Kallimachus zufällig aus dieser Phyle war“). Dass die Chöre der Phyle Aiantis niemals die letzte Stelle hätten einnehmen dürfen, bezeichnet Plutarch selbst, aus dem das genommen wird, als eine sehr zweifelhafte Angabe eines obscuren Schrift- stellers“). Es bleibt auch ohne solche Uebertreibungen genug.
Die Beziehungen des Aias zu Athen betont auch Sophokles. Seine treuen Genossen werden Erechthiden genannt, und es mag wohl Eindruck gemacht haben, wenn sie ihr kriegsmüdes Lied in den Wunsch ausklingen liessen, heimzukehren rds ieςα ogsinone ADAvag, und wenn Aias, ehe er sich in sein Schwert stürzt, dem ruhmvollen Athen und dem„verwandten Geschlecht“ seine Abschiedsgrüsse zurief.
Daneben finden sich in dem Drama auch einzelne Abweichungen von der attischen Tradition. So nennt Sophokles Aias einen, Aeakiden. Das hängt wohl damit zusammen, dass seit der Oecupation Aeginas auf die attische aus Rivalität gegen diese Insel gebildete Genealogie weniger Wert gelegt wurde. Befremdlich ist dagegen, dass der Dichter nur Eurysakes als Sohn des Aias kennt. Es wäre so leicht für ihn gewesen durch eine Andeutung der attischen Sage gerecht zu werden, dass die Frage berechtigt ist, warum er es nicht gethan hat und so die vornehmen Angehorigen des Philaidengeschlechtes des schönsten Stammbaumschmucks beraubte¹). Die Vermutung ist kaum abzuweisen, dass der Dichter hier patriotisch zu sein verschmähte, weil das Epos von Philäus nichts wusste.
Wir kommen hier an den Punkt, von dem aus die aufgeworfene Frage beantwortet werden kann und muss. Wie sich der Dichter in der„Elektra“ und in den„Trachinierinnen“ streng an das Epos hält, so hat er auch Charakter, Schuld und Ende des Aias als etwas durch das Epos gegebenes betrachtet, und so wenig er sich scheute auf Grund des Epos die Philaiden zu desavouiren, ebenso wenig brauchte er sich zu scheuen, den Aias seinen Landsleuten in den Hauptsachen so vorzuführen, wie ihn das Epos geschildert hatte. Religibse KRücksichten konnten ihn daran noch weniger hindern als patriotische. Die Verehrung des Aias als Heros hatte erst Kleisthenes in Attika eingeführt; es ist nicht wahrscheinlich, dass sie durch eine politische Massregel hervorgerufen im Lauf des fünften Jahrhunderts zu einer besonderen Innigkeit gediehen wäre. Ausserdem ist zu berücksichtigen. dass der Heroenkultus dieser Zeit nicht in der Ehrfurcht vor sittlichen Vorzügen wurzelt, sondern dass Auszeichnungen jeder Art Veranlassung geben konnten, den geschiedenen Seelen jenes höhere Leben zuzuerkennenꝰ). Ein Beispiel für viele: Sophokles hat dem Herakles selbst ein Heiligtum gestiftet und trotzdem die„Trachinierinnen“ gedichtet. Der erakles, den er uns vorführt, ist doch gewiss keine sittlich hochstehende Persönlichkeit. So konnte auch dem, der der Tapferste war von allen Griechen nach Achilleus, geopfert werden, selbst wenn er in Feindschaft mit Athene gelebt hatte und gestorben war.
Dass der Dichter das Bedenkliche des überlieferten Stoffes mit geschickter Hand gemildert hat, ist freilich unverkennbar. Ich rechne dahin das Schweigen über den Waffenstreit und die Charakteristik des Aias. Wie schon oft betont, gesellt sich in ihm zu der furchtbaren Masslosigkeit und dem Trotz gegenüber Athene und seinen Feinden eine Weichheit des Empfindens gegen Angehôrige und Freunde, die allein schon geeignet ist, die ihm beigegebene starke Attrative zu erklären. Und dass der rauhe Mann sichtlich bemüht ist, dies Gefühl in seinem Innern zu begraben, ja es sich selbst wegzudisputiren⁰).
1) Ariskotoles.„A9v. wohrt. c. 21. ² Plut. moral. p. 628 E. ³) 628 B. C. ⁴) Gegenüber der Autorität Herodots, des Pherekydes und des Philochorus(Marc. vit. Thucyd. 5 3). die einstimmig Philäus als Sohn des Aias bezeichnen(wie auch Plutarch und Stephanus), kann die Angabe eines Pausanias, der Philäus einen Sohn des Eurysakes nennt(I 35,2), nicht in Betracht kommen. ⁵) Vgl. Rohde, Psyche p. 186. ⁶) v. 680.


