Aufsatz 
Ueber den Aias des Sophokles / von Wilhelm Büchner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

man sich ferner Athenes Macht so gering vorstellen, dass sie ihn zwar ausserhalb seiner Zeltwände verderben kann, vor denselben aber Halt machen muss? oder ihr Wirken so bar aller Vernunft, dass sie bis Sonnenuntergang strafbereit lauert, dann aber versöhnt iste Auch stört Kyp in diesem Zusammenhang: man würde erwarten,heute droht ihm von Athene Verderben. Gerade dieses Wort leitet auf das richtige Verständnis. Das vorausgeschickte Verbot, Aias aus dem Zelt zu lassen, erweckt zugleich die Hoffnung auf seine Rettung. Dieser secundäre Gedanke wird durch ν α etc. motivirt. muss also wie O. R. 1160 als Präsens genommen werden(er verfolgt), i alsnämlich, auf Hyf ruht der Ton. Die etwas lockere Gedankenverbindung entspricht der Redeweise des Boten: man vergleiche das α in v. 758.

Die Nachricht von dem Aufhören des Grolls der Gôttin ist nicht so abenteuerlich, als es scheinen könnte. Nach der furchtbaren Demütigung gibt es für Aias nur zwei Möglichkeiten: er tôtet sich oder er ändert seinen Charakter. In beiden Fällen ist Athenes Groll gegenstandslos.) Der Seher sieht eine Verzweiflungsthat voraus, wenn Aias ohne Aufsicht bpleibt, daher sein Befehl, ihn einzuschliessen.Wenn es überhaupt möglich ist, meint er,so werden wir ihn mit Gottes Hilfe am heutigen Tage retten können.

AA Slne 4211, 75 ⁸y T,lεQTl Ay

Tsvoοεμι⁸ν ανοο οσν d 1t. ²¹) Er beabsichtigt ohne Zweifel, ihn über die Rätsel seines Lebens, Schuld und Sühne, aufzuklären und hofft ihn dadurch unter dem frischen Eindruck der Niederlage zur 6υρπναοv zurückzuführen. Insofern ist es allerdings ein kritischer Tag für Aias, der ihm Tod oder Leben bringt.¹²)

So ergiebt die Prüfung der Kalchasbotschaft, dass Athene nicht deswegen von weiterer Verfolgung des Aias absteht, weil seine Vergehen geringfügig sind, sondern weil sich vor ihm zwei Wege aufthun, über deren einem ihre Gnade waltet, auf dem andern aber hat sie keine Macht weder zu Gutem noch zu Bösem. Man wird es nach dieser Erwägung nicht ohne Misstrauen bei Welcker lesen, dass Aias im Uebergang aus dem Leben zu göttlichem Heroentum durch Nachgiebigkeit und Selbstüberwindung, die allein ihm noch fehlten, reift und sich vollendet, dass ein Geist der Milde und Versöhnung auch in dieses Felsenherz einzieht. ¹) Wer sich über die Seelenstimmung des sterbenden Aias klar werden will, hat von seinem letzten Monolog auszugehen, da er hier ohne Zeugen redet. Nur so lässt sich ein Masstab gewinnen für die Beurteilung des vielumstrittenen vorhergehenden Monologs, in dem er sich von Tekmessa und dem Chor verabschiedet.

Von Keue, d. h. von der Einsicht in Gedanken, Worten oder Werken Unrecht gethan zu haben, ist hier nicht eine Spur zu entdecken. Seines Verhältnisses zu Athene wird mit keinem Worte gedacht. Er betrachtet sie eben als seine persönliche Feindin, deren Zorn er sich durch den Tod entzieht. Und wenn er sich an die anderen Gôtter wendet, nicht etwa damit sie sein Vorhaben unterstützen, sondern dass sie für seinen Leib und seine Seele sorgen, wenn er nicht mehr ist, so klingt daraus dasselbe trotzige Kraft- gefühl, das ihn die Mahnung des Vaters verachten und Athenes Hilfe verschmähen liess. Dass auch in seinem Verhältnis zu den Menschen keine Veränderung eingetreten ist, zeigt der Fluch, den er über die Atriden als seine Verderber ausruft, und den er auf das ganze Heer erweitert. Das Empõrende an diesem Fluch ist, dass er Unschuldige trifft. Denn selbst am Waffengericht haben sich nur Wenige beteiligt, und wie kann Aias ihnen seinen Untergang zur Last schieben? Wenn Goethes Gôtz, den Welcker vergleichen zu dürfen glaubt,) inmitten einer feigen meineidigen Bande ausruft:Es liegt mir nichts daran umzukommen, wenn siée nur alle miterstochen werden, so ist das doch wohl etwas Anderes. So können wir Welcker weder glauben, dass die letzten Reden des Aias Athene wohlge- fällig seien,) noch dass die erhabene Schroffheit des Aias der Homerischen Nekyia der Sophokleischen Charakteristik konträr sei.¹)

1) Das Präsens x, weil Aias noch nicht entschieden hat. ²) 778 f. Man interpungirt hinter vερ. elns ior, r Sy husg soll heissenwenn er diesen Tag überlebt. RKichtig übersetzt ergiebt es Unsinn. ³) 799. ) p. 322.) p. 326.) p. 321. ¹) p. 322.