— 11— II. Aias und Athene.
Welcker ist in seinem bekannten Aufsatz über den„Xias“¹) von dem naheliegenden Gedanken ausgegangen, da Aias attischer Heros sei, so müsse der attische Dichter ihn panegyrisch behandeln. Was wir über die Vorgeschichte des Dramas aufgefunden haben, widerspricht dem. Denn wenn Soôphokles daraut ausgegangen wäre, so hätte er beim Waffengericht nicht die Darstellung des Epos voraussetzen, sondern die Pindarische aus- führen müssen. Wenn Aias in einem schwer zu schlichtenden Streit vor Richtern, die nach bestem Wissen und Gewissen gerichtet haben, unterlegen ist, so bekundet sein bei klarem Bewusstsein gefasster Entschluss, die Richter heimtückisch zu ermorden, eine geradezu ver- dammenswerte Masslosigkeit des Ehrgeizes und der Leidenschaft.
Welckers Ansicht stösst aber auch auf andere Schwierigkeiten. Wir finden Athene, die hochverehrte Schutzgôttin Athens, als Gegnerin des Xias. Nceusserlich motivirt wird diese Feindschaft in der Mitte des Stückes, wo berichtet wird, Aias habe einst in der Schlacht, als ihn Athene zum Kampf rief, ihr erwidert, sie môge anderen helfen, an seiner Stelle werde keine Lücke entstehen.“) Wer aber glaubt, damit sei die Sache abgethan, vergisst, dass Xias in derselben Weise alle Gôtter beleidigt hat. Denn auf die Mahnung seines Vaters, er môge sich immer des gôttlichen Beistandes versichern, hatte er erwidert, auch der Schlechteste könne mit Gottes Hilfe etwas leisten, er gedenke auch ohne sie Ruhm zu erwerben.“) Warum tritt nur Athene als Rächerin dieser ëois auf? Weil das Wesen des Aias der Idee, die sie verkôrpert, entgegengesetzt ist“). Seine Nichtachtung göôtt- licher Hilfe entspringt demselben Mangel an αωͥά.ιο⁸⁰ñ RKͤ„bescheidenheit“ würde es im Nittel- hochdeutschen heissen), wie sein Benehmen nach dem Waffengericht.)
Es ist begreiflich, dass Welcker seinem Leitmotiv zu Ehren die Gegnerschaft der athenischen Stadtgôttin nnd des athenischen Heros möglichst abschwächen und sie schliesslich in Freundschaft übergehen lassen muss. Der Seher Kalchas selbst rede nur von einem abgeneigten Sinn der Göttin. Diese abschwächende Uebersetzung von tsoνς gt ist sicher falsch, denn derselbe Seher redet von der dia Ad'd-as usne. Weiter meint Welcker: „Den richtigen Massstab aber gibt uns der Dichter an die Hand durch die Xussage des Kalchas selbst, dass der Unwille der Gôttin nur noch diesen einen Tag dauere, und dass er leben bleiben werde, wenn er nur diesen einen gewahrt werden könne. Darin zeigt sich nicht sowohl die Milde und Versöhnlichkeit der Gottheit als die wahre Beschaffenheit von der Schuld des Aias, dass sie nicht in einem verkehrten Sinn, sondern in Uebereilung einer heftigen Natur bestand.“⁰⁵)
Die wichtigen Worte stehen v. 750 ff. Kalchas lässt sagen, man solle Xias an diesem Tag im Zelt zurückhalten, wenn man ihn wiedersehen wolle:&e †⁴ν αονν SS' E dVe) Héw dias Add-as Luft. Man ist versucht, diesen Satz als Warnung anzusehen(wenn er ausgeht, wird ihn Athenes Groll in den Tod treiben). Aber dieser Auffassung widerspricht nicht weniger als Alles. Von einer Einwirkung der Göôttin auf Aias Selbstmord ist nirgends die Rede. Es ist sein eigner freier Entschluss.“) Soll
¹) Kleine Schriften II p. 264 ff. ²) 770 ff. ³) 762 ft. ⁴) So auch Bellermann p. 137 f. ⁵) Diesen Charakterzug fand Sophokles nicht allein bei den Kyklikern. sondern schon in der Ilias. Denn in seiner Ausgabe waren die Worte H 195 ff. jedenfalls nicht eingeklammert. Wie in der Ilias daneben die styoty des Aias gerühmt wird (H 289), so gesteht ihm Athene bei Sophokles οvota zu(119), während ihn der Seher ãvong nennt und mit Beziehung auf ihn von εραια ακουπσεα ata redet(763. 758) Man kann eben klug sein ohne eccοοον zn sein. ⁵) p. 288 ff. 326. ²) La ryrds dfsaαν, cf. M. Seyffert. ⁸) Das betonen auch einige Herausgeber, sagen aber nicht, wie sie sich den Zusammenhang denken. Nach Schöll führt Athene den Selbstmord dadurch herbei, dass sie Aias einen Tag lang,„seinem eigenen wilden Wesen ganz überlässt.“ NMan muss Schölls Phantasie besitzen, um ia dem àƷν 7 etc. den Ausdruck für vollständige Passivität finden zu können.


