Aufsatz 
Ueber den Aias des Sophokles / von Wilhelm Büchner
Entstehung
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bildete sich die Auffassung, die wir bei Pindar angetroffen haben. Von dem Wahnsinn und dem Herdenmord war keine Rede mehr).

Wir sehen also, dass den attischen Dramatikern, welche das Ende des Aias be- handelten, zwei verschiedene Versionen vorlagen. Die eine ist die des jonischen Epos, die andere wird für uns durch Pindar repräsentirt. Von Aeschylus wissen wir, dass er in den Oοοσοαlανqarin von Homer abwich, dass er Aias nur an einer Stelle verwundbar sein liess?²). Wie Aeschylus die Sage sonst behandelt hat, darüber lässt sich m. E. etwas Sicheres nicht ermittlen. Man vergleiche nur die sich Punkt für Punkt widersprechenden Rekon- struktionen von Welcker?) und G. Hermann¹). Die Fragmente sind eben zu dürftig. Je denfalls ist die beweislose Behauptung, bei Aeschylus hätten Troer oder Troerinnen den Chor gebildet und gerichtet, a limine abzuweisen.

Mit Sicherheit lässt sich dagegen die Frage beantworten, wie Sophokles den Streit angesehen wissen wollte. Die alten Erklärer waren der Ansicht, er setze die Darstellung des Epos voraus. Denn in der Hypothesis wird der Streit einzig und allein auf die Betei- ligung beim Kampf um Achilleus Leiche zurückgeführt. Das ist auch an und für sich wahr- scheinlich, weil dem attischen Publikum diese Version geläufig war. Es könnte freilich je- mand einwenden, wir berücksichtigten Xeschylus nicht. Es sei möglich, dass er die pinda- rische Version populär gemacht habe. SeinWaffenstreit bilde die Voraussetzung des So- phokleischenXias. Aber dass dem nicht so ist, dass Sophokles auch hier als der ννλι⁶Qασος gedichtet hat, beweisen die schon oben besprochenen Verse 1338 ff., in denen Odysseus eben- so wie v. 120 zugibt, dass Xias der dxνςᷣo⸗, gewesen sei. Man wagt dieser Stelle erst jetzt recht in's Gesicht zu sehen. Odysseus Kkönnte so nicht sprechen, wenn es sich bei dem Streit um die Frage gehandelt hätte, wer von ihnen der itos wäre. Der Widerspruch mit v. 478 ff. ist nur scheinbar. Denn Aias kann sehr wohl den Streit um die ᷣοtsik in einem besonderen Fall übertreibend als Streit um die νννsik überhaupt ansehen.

Alle Beurteiler desXias sind von der UÜberzeugung ausgegangen, dem Aias sei bei dem Waffengericht ein offenkundiges schmähliches Unrecht geschehen. Wenn die Frage so formulirt war, wie wir gezeigt zu haben glauben, so kann davon gar keine Rede sein. Für die in Athen zur Zeit der Aufführung unseres Stückes') herrschende Auffassung über den Waffenstreit ist es sehr bezeichnend, dass Aristophanes in denRittern die Ge- fangennahme der 120 Spartiaten auf Sphakteria mit der Rettung von Achilleus Leiche ver- gleichend und mit der ausgesprochenen Absicht Kleons Thätigkeit herabzusetzen, dem Kleon die Rolle des Nias, die Rolle des Odysseus aber dem Demosthenes zuweisté). Das konnte er nicht, wenn das Publikum die Entscheidung, die über Nias gefallen war, nicht als be- rechtigt ansah. Pindars Ansicht hat Sophokles freilich auch hereingebracht. Denn mit ge- schicktem Griff übertrug er sie auf Aias und die Seinen. Der Wahn, das sei seine eigne. ist dadurch entstanden, dass die Pindarische Version eigentümlich zugespitzt vom J. 400 an in der Litteratur dominirt.

Euripides hat indirekt dazu beigetragen. Es ist bekannt, dass unter seiner Hand der Charakter des Odysseus eine andere Ausprägung erhielt. Den Anregungen der Dorer nachgebend, machte er ihn zu einem selbstsüchtigen, redegewandten Intriguanten, der wohl vor offenem Kampf, aber vor keiner Schlechtigkeit zurückschreckt. Wahrscheinlich hat erst das Beispiel des Euripides Sophokles veranlasst, in seinen späteren Stücken, wie z. B. im

1) Aus dem Schweigen Pindars zu schliessen, in der Athiopis habe davon nichts gestanden, wie es allge- mein geschicht, ist doch sehr gewagt. Das Gedicht sprach an einer Stelle von den Aerzten Machaon und Podalirius. Jener sei der beste Chirurg gewesen, dieser habe sich auf innere Krankheiten verstanden. Er habe auch zuerst die Veränderung im Wesen des Aias nach dem Waffengericht bemerkt(schol. Jl XI 515). Wenn auch von Wahn- sinn nicht ausdrücklich geredet wird, so wäre das Beispiel doch schlecht gewählt, wenn es sich nicht um eine wirk- liche Krankheit gehandelt hätte. ²) Schol. zu Aias v. 833. ³) Die Tagödien nach d. Cyclus geordnet p. 38.) Opus- cula VII 363 fl.) Aus metrischen und anderen Gründen setzt Wilamowitz(Herakles I p. 345, 352, 354) denAias in die Zeit des archidamischen Kriegs. Die Charakteristik des spartanischen Königs passt dazu vortrefflich. Das ihm von Tenkros entgegengeschleuderte àαv ενν dνννιέμα οσοινσν πιον ννο müsste nach dem Gefecht auf Sphalkteria eine zündende Wirkung gehabt haben. Aber man kann in solchen Dingen nicht vorsichtig genug sein. 6) 1056 ff.