Aufsatz 
Die Antikensammlungen des Großherzoglichen Museums in Darmstadt / Ludwig Buchhold
Entstehung
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Die Gipsabgüsse. 145

noch in die Trauer verliert, sondern eben in ihrer ruhigen Mitte das Wesen dieses Gottes ausmacht.(Burckhardt.) Der Gesichtsausdruck unseres Eros, obwohl er ernst ist, zeigt keine Spur von Traurigkeit oder Melancholie, sondern schwärmerisches oder träumerisches Versunkensein in Gefühl und Betrachtung, denn daß die Gedanken des Gottes nicht auf ein bestimmtes Objekt gerichtet sind, das zeigt sich deutlich in der glatten Stirn und in den unbewegten Brauen, welche das Sinnen nach der Mitte zusammenzieht. Zu diesem träumerischen Ver- sunkensein stimmt auch die leise Neigung des Hauptes, wäh- rend ein flüchtiges Läücheln um die Lippen andeutet, daß schöne Bilder durch des Jünglings Seele ziehen.(Overbeck.) Die Allgewalt des Liebesgottes sicht Furtwängler in dem Werke verkörpert:«Es ist nicht der heiter harmlose Eros mit Kranz und Binde, wie wir ihn sonst wohl dargestellt finden: es ist der zauberhafte Dämon, der berückende, allerwärts herrschende, der drνεν dνQιινυνν mεεμμᷣ εοα, wie ihn namentlich die euri- pideische Poesie verherrlicht hatte. Der Künstler hat die schwierigere Aufgabe, die Macht des Gottes von innen heraus zu charakterisieren, unternommen; er ließ ihn seine Waffe nicht benutzen, sein Eros zieht durch den von unten herauf gerichteten Blick und durch seine zauberische Anmut unwider- stehlich an, und wir empfinden etwas von berückender Ge- walt, gegen die kein Widerstreben hilft. Furtwängler erinnert zugleich an das Epigramm auf den berühmten thespischen Eros des Praxiteles: ꝓeiνετν e SaNe O, Er arsy, 32 Arewevo= Liebeszauber errege ich nicht mehr durch meine Geschosse, sondern durch meine Blicke. So glänzend diese Theorie auch ist, wir können uns nicht von ihrer Rich- tigkeit überzeugen. Wer unbefangen den Kopf der Statue im Profil betrachtet, der wird den Eindruck gewinnen, daß allerdings eine Sehnsucht in dem ideal'schönen Kopfe aus- gedrückt ist, aber nicht die Sehnsucht, Liebe zu erwecken, sondern das schmerzliche Verlangen, des Lebens geheimnis- vollstes Rätsel zu lösen, das Rätsel von Geburt und Grab, das Rätsel des Todes, des Abscheidens vor der Zeit, in der Blüte der Jahre. Eros steht als Todesgenius mit gesenkter Fackel am Grabe eines Jünglings oder einer Jungfrau, tiefe Trauer spricht sich in der Neigung und der ganzen Haltung des Kopfes aus, und in seinem Gesichte steht die Frage geschrieben: Warum 1 Buchhold, Die Antikensammlungen. 10