Aufsatz 
Die Antikensammlungen des Großherzoglichen Museums in Darmstadt / Ludwig Buchhold
Entstehung
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134 Die Bildwerke und Gipsabgüsse.

gleichen fand sich auf dem Marmorblock der Nische eine weitere Inschrift, nach welcher der Untergymnasiarch Bacchios, der Sohn des Satios, die Exedra und ihren Schmuck dem Hermes und Herakles geweiht hat. Wenig antike Statuen haben mehr Kontroversen der Gelehrten hervorgerufen als die Venus von Milo. Nach Furtwänglers Untersuchungen scheint jetzt folgendes festzustehen: Die Inschrift auf dem Plinthen- stück, das kurz nach der UÜberführung der Statue nach Frank- reich verloren ging, sowie die Inschrift auf dem Marmorblock der Nische, der zur selben Zeit verschwand, gehören unzweifel- haft mit der Statue zusammen. Sie sind absichtlich beiseite geschafft worden, um das Werk älter datieren und es Praxi- teles zuschreiben zu können. Denn man hatte dem König Ludwig XVIII. gesagt, die Statue sei ein Meisterwerk des Praxiteles(vergl. Friederichs I, p. 334). Die Statue ist zweifellos von dem Untergymnasiarchen Bacchios den Göttern seines Gymnasiums, Hermes und Herakles, geweiht und in einer Nische des Gymnasiums aufgestellt worden, und die Fundstätte ist der ursprüngliche Aufstellungsort. Der linke Arm ist nach dem Vorbild der auf Münzen abgebildeten melischen Tyche zu ergänzen: er war in fast wagrechter Haltung auf eine Säule aufgestützt und hielt in der lose herabhängenden(noch er- haltenen) Hand einen Apfel. Die rechte Hand faßte nach dem um den Unterkörper geschlungenen und nur sehr un- vollkommen befestigten Mantel. Der Künstler hat zwei Götter- typen zu vereinigen gesucht, nämlich den der melischen Tyche und den der Skopas'schen Aphrodite, dessen Weiterbildung uns in der bekannten Aphrodite von Capua(Neapel) vorliegt. Indem er die Schöpfung des Skopas stark umgestaltete, um sie der melischen Tyche zu nähern,«bestrebte er sich zugleich, etwas von phidiasischer Großheit hereinzubringen. Er hat in diesem Sinne namentlich den Stil ganz selbständig umgebildet, indem er sich an der älteren attischen Kunst begeisterte und ihr nachzueifern suchte. Kann man ihn somit auch wirklich einenEklektiker nennen, so war er doch ein Mann, der aus eigener künstlerischer Kraft das, was er aus den Vorbildern gelernt, frisch und lebensvoll zu geben wußte. So reiht sich die Venus von Milo dem zum Teil ja vortrefflichen Werken an, welche uns aus der späteren Hälfte des 2. und aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. noch erhalten sind.»