Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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den Freund die verlorene Geliebte zu suchen. Er findet sie wieder in Karthago, als die Toch- ter des ebenfalls mittlerweile in ihren Armen

verschiedenen Königs, eben im Begriff, sich

wenn auch gegen ihren Willen mit Nureddin, dem Nachfolger ihresVaters, zu vermählen. Auch sie hat sich indessen, wie Aucassin, einer nicht minder grossen Wandlung ihres ursprünglichen Charakters unterwerfen müssen. Jene kecke Ent- schlossenheit, mit der sie einst den Heiratsplä- nen ihres Vaters und ihrer zwölf Brüder ein Schnippchen schlug, als Spielmann sich kleidete und auszog den Geliebten zu suchen, ist ihr abhanden gekommen. Abgesehen von Klagen fügt sie sich widerstandlos in ihr Schicksal, bis ihr die unbegreifliche Grossmut Nureddins selbst, ihres Verlobten, den Weg zur Flucht bahnt. Dann dient ihr die Verkleidung nur dazu, den Geliebten auszuforschen, ob er noch treu geblieben ist. Und treu ist Aucassin ge- blieben, aber welch ein matter Kerl ist aus ihm geworden!

.... Sein Vater starb

An seiner Brust, mit jedem Segenswunsch

Für ihn und für Beaucaire. In sich gekehrt,

Und nur für andre thätig, waltet nun

Der junge Graf. Idwin:i) ist oft mit ihm,

Und spricht von Nicoleten. Aber selten

Erlaubt ihm Aucassin, das Saitenspiel

Vor ihm zu schlagen; denn es scheint, als ob

Ihn jeder Ton aus einer höhern Welt,

Die stets harmonisch sich bewegt, verletzte;

Zum Niedern sucht er sich herab zu stimmen,

Was grossen Seelen nie gelingt.

Trotzdem nun Aucassin die eine Probe seiner Treue bestanden, muss er doch am Schlus- se des Dramas noch eine zweite bestehen. Ni- colete, als fremde maurische Königstochter ver- kleidet, lässt ihm, dem Niegesehenen, von dessen Bildnis sie bezaubert worden sei, ihre Liebe anbieten; doch auch diese Probe besteht er glänzend, und nun erst gibt sich ihm die Ge- liebte zu erkennen.

Am Schlusse sollten wir wenigstens erwar- ten, das Gedicht in einen Triumph der Liebe ausklingen zu sehen. Allein auch dies ist nicht

¹) sein Sänger.

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der Fall; es folgt eine Apostrophe an die Freundschaft, die Florestan bewiesen, und die damit endigt, dass dieser Aucassin den ihm einst verliehenen Degen zurück erstattet. Nach dem bisher Gesagten möchte es schei- nen, als fänden wir an dem Drama nur zu tadeln. Dem ist jedoch nicht so; was wir ge- sagt, gilt nur in Rücksicht auf den ursprüng- lichen Charakter unsrer Novelle; nicht minder haben wir bei der Beurteilung des Dramas Rücksicht darauf zu nehmen, dass Platen keine, auch nicht die leiseste Ahnung von dem Cha- rakter des Originals hatte. Seine Fehler und Schwächen finden sich zum grossen Teile bereits in der Nachdichtung, in welcher ihm der Stoff übermittelt wurde. Dass ein Dichter wie Platen diese seine unmittelbare Vorlage weit übertrof- fen, bedarf natürlich kaum der Erwähnung. Ja, wir können getrost behaupten, dass das Drama objectiv und ohne Rücksicht auf das altfranzö- sische Original betrachtet immerhin eine ge- diegene Leistung zu nennen ist. Dialog und Handlung sind lebhaft, und von manchen Aen- derungen, die der Dichter eintreten liess, lässt sich nicht leugnen, dass sie dem gegenwärtigen Charakter des Stückes zur Zierde gereichen. Dahin gehört vor allem die Einführung Flo- restans und seine Beteiligung an der Entwicke- lung des Dramas: seine aufopfernde Freund- schaft für Auccassin ermöglichte es dem Dich- ter, den für das Schauspiel notwendigen ver- söhnenden Schluss herbeizuführen. Auch der Wandel, den Aucassins Charakter im Ver- laufe des Stückes erfährt, ist in Betracht zu ziehen. Reich an Schönheit sind ferner die drei letzten Scenen des I. Aktes; und von wun- derbarem Reiz ist jene Klage Nicoletens um die verlorene Heimat(Akt IV, Scené 3). Letz- tere besonders vermag für manche Schönheit, die der Kenner des Originals vermisst, einen Ersatz zu bieten, zumal sie den vollen Glanz Platen'scher Sprachvollendung sehen lässt.

6. Wir haben die Besprechung des Platen- schen Schauspiels im Anschluss an dessen