das Gedicht in seiner ursprünglichen Gestalt, wie zu erwarten steht, nicht; nicht einmal in einer der neuern Darstellungen von Sainte-Pa- laye oder Le Grand d'Aussy. Er benutzte vielmehr die von uns soeben besprochene Be- arbeitung in den Fabliaux choisis von M....
Dass dies der Fall, beweist gleich der Umstand, dass er den Grafen von Valence Flo- restan und nicht Bongars nennt. Auch begün- stigt Philibert, der Pflegevater Nicoletens, ins- geheim die Neigung des jungen Aucassin(vgl. Akt II, Scene 1): ja er sähe es nicht ungern, wenn Nicolete Herrin von Beaucaire würde. ¹) Gezwungen endlich die Pflegetochter zu ent- fernen, verschliesst er sie in ein Gemach seines Hauses nach dem Garten hinaus,— bereits eine missverstandene Auffassung des Le Grand d'Aussy. Nachdem sie entflohen, sprengt er selbst das Gerücht ihres Todes aus, auf das hin Aucassin frei gegeben wird. Aber es fehlt bei Platen, ebenso wie in der von ihm benutz- ten Bearbeitung, das Fest, das der alte Graf gibt um seinen Sohn zu erheitern, und das gewiss dem Dichter Stoff zu einer wirksamen Scene geliefert hätte. Glücklicher Weise hat Platen wenigstens den Mohren, in dessen Ge- stalt der Dichter M..... Nicoleten am Schlus- se auftreten lässt, wiederum weiss werden las- sen. Doch hat auch er den ursprünglichen Schmelz des Kindlich-Naiven, Heitern und Na- türlichen, den das Original besitzt, den aber die Nachdichtung nicht im entferntesten aufzu- weisen hat, seinem Drama nicht wiederzugeben vermocht.
Aucassin ist im Platen'schen Schauspiele ein Weichling, ein Weiberknecht, der über Ge- sang und Saitenspiel und Liebe die Führung der Waffen vergessen hat. Oder vielmehr, wie sein Vater selbst sagt,
... Der weiche Knabe hat Die Waffen recht zu führen nie gelernt.
Davon dass er nicht fechten will, so lange Ni- colete ihm geweigert wird, ist nicht die Rede. Nicht Trotz lässt ihn den Mahnungen des Va- ¹) Act II, Scene 1.
ters sein Ohr verschliessen, sondern Unlust am Lärm der Waffen. Der Rasen im Garten, der Gesang der Nachtigallen, der Duft der Ro- se dünken ihm weit angenehmer als das Wie- hern der Streitrosse, und ziehen ihn mächtiger an als das Gebot der Ehre. Und Gesang, Gesang!
Spielt uns ein Lied, zerstreut uns wenn ihr könnt!
ist alles was er auf die Bitten des Vaters entgegnet. Wenn er doch schliesslich zum Kampfe auszieht, so geschieht dies nur infol- ge der List des Grafen, seines Vaters, der den Sohn durch die Aussicht auf die Zusammen- kunft mit der Geliebten so zu sagen fängt(Akt II. Scene 3). Natürlich, dass Aucassin mit sei- ner Liebe ganz in den conventionellen Schran- ken bleibt. Von jener übersprudelnden, alles durchbrechenden Leidenschaft ist nichts zu spü- ren. Beispiels halber erwähnen wir nur die Scene am Purmgefängnis, im Original wohl eine der reizendsten, die je gedichtet worden sind. Aucassin sitzt gefangen, und die Geliebte flieht vor dem Zorne seines Vaters. Beide schei- nen einen Abschied für das Leben zu nehmen, sie hätten sich wohl viel Liebes zu sagen, und doch reden sie über nichtige Dinge, über die Grösse ihrer gegenseitigen Zuneigung. Wie viel hätte sich in einem Drama aus solch einem Vorwurf machen lassen! Leider kannte Pla- ten das Original nicht; sein Aucassin weiss der Geliebten nichts anderes zu sagen als den guten Rat, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen.— Als guter Sohn gerät er dann auch bei der doppelten Nachricht, dass Nicolete von Seeräubern entführt sei, und dass sein Vater im Sterben liege, in den Conflict der Kindes- liebe und der Liebe zur Verlobten, und wird erst durch seinen Freund Florestan aus diesem Kampfe erlöst. Er kehrt um, ohne die Freun-
din erreicht zu haben, zurück zu seinem tot- kranken Vater, der, einen Segen für ihn auf
den Lippen, in seinen Armen stirbt;— welcher Abstand von dem wahren Aucassin!
Statt seiner aber macht sich Florestan, ge- wonnen durch Aucassins Grossmut, auf, für


