Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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nug um. Gleich eingangs des Stückes begreift man z. B. nicht, worüber Aucassin und sein Vater streiten. Jener versichert fortwährend, er werde Nicoleten nie vergessen; dieser ruft ihm dagegen beständig zu, er solle seine Fein- de bekämpfen; jener erklärt, nur zu den Füs- sen der Geliebten den Siegeslorbeer niederle- gen zu wollen, ohne dass man erfährt, warum er dies nicht auch thut; dieser versichert, er werde seine Einwilligung zu der Verbindung nie erteilen, ohne dass gleichfalls der Grund hierfür ersichtlich ist. Endlich als die Kriegs- not steigt, als der alte Graf selbst sterben zu wollen erklärt, da ist es dieser letztere Grund, der Aucassin bestimmt, die Waffen zu ergrei- fen; doch fügt er hinzu,

puisqu'il faut céder au devoir qui m'appelle.... promettez moi... que vous me laisserez voir la Beauté qui m'est chère. Nun aber ist Nicolete noch gar nicht eingeschlos- sen, darum es sich schwer einsehen lässt, welchen Wert diese Vergünstigung hat. Vielmehr wird sie erst auf Befehl des Grafen eilig gefangen ge- setzt, als die Nachricht von Aucassins Siege ge- meldet wird. Die Lösung des Conflictes erfolgt schliesslich auf eine höchst unerwartete Art und Weise. Wie ein deus ex machina erscheint näm- lich der Graf von Valence später und reclamirtNi- coleten als seine Tochter. Wie sie nach Beaucaire gekommen, wird nicht gesagt, denn der Vicomte, ihr Pflegevater, wusste selbst nicht, wer sie war und woher sie kam, da seine Gemahlin dies Geheimnis mit in's Grab genommen hatte. Natürlich, dass sich bei derartiger Lösung die Parteien zu allseitiger Zufriedenheit vereinigen.

Die Sprache ist, wie dies bei dem Texte einer Oper gewöhnlich der Fall, sehr überla- den. Seltsamer Weise treten die beiden Gra- fen, trotzdem sie unter dem Verzeichnis der han- delnden Personen richtig benannt sind, im Stü- cke selbst stets als comte de Garin und comte de Bongars auf.

4. Ein weiteres der hier in Betracht kommen- den Gedichte erschien ebenfalls bereits in der

zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es wurde lediglich nur nach Kenntnis und mit Benutzung der von Le Grand d'Aussy gegebe- nen Prosaerzäühlung mit noch einigen andern Fa- bliaux, ganz gereimt, ohne vollständige Nennung des Namens des Verfassers herausgegeben unter dem Titel: Fabliaux choisis; mis en vers etc. par M... Amsterdam et Paris 1785.

Wenn wir dieser Dichtung eine eingehendere Besprechung zu teil werden lassen, so geschieht dies einmal, weil sie die Quelle wurde zu einer spätern grössern Dichtung, welche unsre Be- achtung erheischt; dann aber auch, weil wir bei ihrer Lectüre erst den Wert und die Schön- heit und den unvergleichlichen Reiz des ur- sprünglichen Gedichtes schätzen lernen. Frei- lich hatte der neuereDichter keine Kennt- nis dieses letztern, und einen allzu grossen Vorwurf dürfen wir ihm aus seiner Arbeit nicht machen. Doch sieht man nicht ohne Bedauern, was aus dem urwüchsigen, kernigen und über- mütigen Kinde des alten trouvère geworden ist. Man hat ihm die wilden Locken glatt ge- strichen, zu einer Turmfrisur zusammengebun- den und Puder darauf gestreut. Das Gesicht ist geschminkt und mit Schönpflästerchen ver- ziert, und an Stelle des losen, leichten Gewan- des hat man ihm Schnürbrust und Reifrock angezogen.

Die alte Fassung der Novelle, der Wech- sel von Erzählung und Gesang, ist geschwun- den, und sie erscheint durchgängig gereimt. Indessen wird niemand behaupten können, dass diese neue Form ein Fortschritt sei; im Gegen- teil, sie ist der beste Beweis dafür, dass nicht Ungeschicklichkeit, wie Du Méril(Vorrede zu Fl. u. Bl. p. CXCIII) behauptet, den Dich- ter jene alte Form des Wechsels von Prosa und Vers wählen liess, sondern die bewusste Erkenntnis des Reizes, der darin liegt. Einen weiteren Vorzug des alten Gedichtes erkannten wir in der objectiven Haltung, die der Verfas- ser seinem Stoffe gegenüber einnimmt; während sich seine lächelnden Gesichtszüge nur wie durch einen Schleier hindurch zuweilen erkennen