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Mit der langen Irrfahrt Floirens nach Babiloine verglichen ist Aucassins Suchen nach Nicoleten unverhältnismässig kurz. Dies ist jedoch kein Fehler, da die wiederholte Schilde- rung der Reise, der Wirtsleute und der Mahl- zeiten, und die langen Gespräche, wie sie das Originalgedicht enthält, mit Notwendigkeit den Zuhörer ermüden mussten. Um Abwechslung in das Umherstreifen im Walde zu bringen, das Aucassins Entdeckung der Laube voraus- geht, hat unser Dichter eine seltsame Episode eingeschaltet, die für seine Anschauungen nicht ohne Bedeutung ist. In dem Intermezzo mit dem ungeschlachten Ochsenknecht, der seinen verlorenen Stier sucht,„hält er die Not des materiellen Lebens den Liebesschmerzen des reichen Herrn entgegen“(Hertz), und zeigt uns unter der abschreckenden äussern Hülle jenes Menschen aus dem Volke dessen weiches Herz, da ihm die Not der armen Mutter mehr zu Herzen geht als seine eigene,— ein seltsamer Contrast gegen die Gleichgültigkeit, mit der Aucassin seine alten Eltern beide verlässt, unbekümmert, ob sie aus Gram in die Grube sinken. Diese Scene ist um so charakteristicher, als der Dichter sich jeglicher Aeusserungen von seiner Seite ent- hält, und die Personen sich selbst charakterisiren.
Im weitern Verlauf der Geschichte gehen beide Erzählungen, wie bereits oben bemerkt, wesentlich auseinander. Es ist dies geboten durch die geänderten Verhältnisse unsres Ge- dichtes. Als Floire sich aufmacht um Blance- flor zu suchen, geschieht dies mit Vorwissen seiner Eltern, und ihre Einwilligung in die Ver- bindung mit ihr ist ihm gesichert. Die weiteren Abenteuer, welche er zu bestehen hat, haben ihren Grund in dem Zorne des Admirals von Babilon über den Verrat seines Turmes und die vermeintliche Treulosigkeit Blanceflors, die er zu seiner Gemahlin zu machen gedachte. Anders verhält es sich mit Aucassin. Er ist ohne Vorwissen seines Vaters ausgezogen und wird durch dessen Zorn von der Heimat fern- gehalten, so lange seine Eltern leben, darf er mit der Geliebten nicht zurückkehren. Daher
finden wir ihn in dieser Zeit unter eigentümli- chen Verhältnissen in der Stadt des Königs von Torelore. ¹)
Schon seit Sainte-Palaye hat diese Episode den spätern Bearbeitern unsres Gedichtes man- nigfachen Anstoss erregt. Noch der neueste derselben, A. Bida, hat die Scene ganz aus der Erzühlung streichen zu müssen geglaubt, und auch G. Paris billigt dies Verfahren, indem er sich in den stärksten Ausdrücken tadelnd über dieselbe ergeht. Wie ich glaube, mit Unrecht! Es ist immer verfehlt, einen andern Masstab bei Beurteilung einzelner Partieen eines Dichterwerkes anzulegen, als den, welchen das Werk selbst bietet. Gibt unser Dichter an irgend einer Stelle sich den Anschein, erha- bene Ideen predigen und von grossen Thaten reden zu wollen? Doch gewiss nicht! Nit schalkhaftem Humor, doch mit der ernsthafte- sten Miene behandelt er Erhabenes wie Thörich- tes. Wenn Aucassin z. B. allen Ernstes von dem Wunder der Heilung erzählt, das der blosse Anblick von Nicoletens Bein bei dem Kranken aus Limosin gewirkt haben soll(Abschn. 11), so ist dies einfach komisch. Und komisch ist es, wenn der thörichte König von Torelore, der eben noch im Kindbett liegt, von grossen Kriegen redet, zu denen er sich begeistern will,²) die er dann mit Eiern und Aepfeln und frischen Käsen statt der Waffen führt. Das Ganze macht den Eindruck einer derben Satire auf die weichlichen und doch streitsüchtigen Gros- sen Südfrankreichs, deren Thaten weit hinter
¹) Einmal nur scheint hier unser Gedicht an das Original anzuklingen, als es näml. heisst: Et les gens del pais dient au roi qu'il cast Aucassin fors de sa tere et si detiegne Nicolete aveuc son fil etc.(32,17). Es ist dies um so eher anzunehmen, als die ganze Sache ohne Be- deutung für den Gang der Geschichte ist.
²) A. u. N. 29,9. Quant mes mois sera conplis, e: je serai bien garis, dont irai le messe oir, et me grant guerre esbaudir encontre mes anemis. Nel lairai mie!
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