Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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Während dieser Vorgänge befindet sich Aucassins Vater fortwährend im Unklaren da- rüber, wo sich des Sohnes Geliebte aufhält. In steter Furcht, die Liebenden möchten doch Mittel und Wege finden, sich zu sehen und zu sprechen, setzt er den widerspenstigen Sohn gefangen in einen Turm: wo sollte er ihn auch hin entfernen? Jenes Mittel ist kürzer und radicaler als die Sendung Floirens auf die Schule von Montoire und erreicht sicherer den Zweck. Dazu entspricht es dem Charakter der Personen besser. Gleichwohl geschieht es aus demselben Grunde. Denn ähnlich wie in Floire u. Blanceflor

II. 266. A l'escole velt l'envoier, Por dessevrer icel amor Que il avoit a Blancheflor.

heisst es in unserem Liede: A. u. N. 11,1 ff. Qant or voit li quens Garins de son enfant Aucassin qu'il ne pora departir de Nicolete au cler vis, en une prison l'a mis etc.

Nicolete dagegen braucht nicht mehr durch einen Gewaltakt entfernt zu werden. Mit ihrer Flucht und auf das Gerücht hin, dass sieum- gekommen sei, setzt der alte Graf seinen Sohn sofort auf freien Fuss. Er hat seine Absicht in ähnlicher Weise erreicht, wie dies in Fl. u. Bl. der Fall ist, doch ohne sich eines Mordes oder eines andern gleich schweren Ver- brechens schuldig gemacht zu haben. Der Sohn kann die Geliebte nicht von ihm fordern; und wenn dieser sich aufmacht sie zu suchen, so muss es heimlich und ohne Vorwissen der Eltern geschehen. Traurig, ohne Teilnahme an dem Feste, welches sein Vater veranstaltet hat um ihn zu trösten, steht er da an eine Säule gelehnt; da macht ein Ritter, der seinen Gram sieht, ihm den Vorschlag, er solle hinaus- reiten dahin, wo die Vöglein singen und die Blümlein im Grase blühen; dort werde sein Leid sich wenden. Aucassin folgt diesem Rat, reitet hinaus bis an die Quelle, wo die kleinen Hirten Rast machen, die ihm Auskunft geben über den Verbleib Nicoletens, und gelangt so

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in der ungezwungensten Weise auf die Spur der Geliebten und zu deren glücklicher Ent- deckung.

Vergleichen wir hiermit die Art und Weise, wie Floire auf die Spur Blanceflors gelangt, wie er stets durch Zufall gerade dahin gelangt, wo seine Freundin kurz zuvor ebenfalls Rast gehalten hat; wie die Wirtsleute selbst unge- fragt von ihr erzühlen; wie ein gütiges Geschick ihm unter den schwierigsten Umständen Helfer und Freunde erweckt, wie er zuletzt auf die denkbar unwahrscheinlichste Art, in einem Blu- menkorbe versteckt, in der Geliebten Gemach getragen wird, so müssen wir gestehen, dass unser Dichter sein Vorbild weit übertroffen hat. Wie viel natürlicher und poetischer ist nicht die Art und Weise, in der Nicolete den Hirtenknaben erscheint und ihnen die Fabel von dem Tiere im Walde mit der wunderthä- tigen Arzenei aufbindet, die sie ihrem jungen Herrn wiedererzählen sollen, wenn er kommt um in dem Walde zu jagen. So leitet sie den Geliebten auf ihre Spur und verbirgt diese zu- gleich vor fremden Leuten. Denn die Hirten rücken keineswegs unaufgefordert mit ihrer Kenntnis heraus, sie lassen sich erst die Bot- schaft von Aucassin abkaufen, recht eigentlich, als ob der Dichter die Art und Weise, wie sein Held die Geliebte findet, in einen bewuss- ten Gegensatz zu der in seinem Vorbilde habe bringen wollen.

Nicolete hat indessen im Walde eine Blu- menlaube gefertigt, in der das Wiedersehen statt- findet. Um ihn interessanter zu machen, lässt der Dichter kurz vorher seinen Helden beim Herab- steigen vom Pferde sich die Schulter verrenken. Vielleicht soll der körperliche Schmerz auch nur die Erklärung geben für die von Floire beim Wiedersehen mit Blanceflor gebrauchten, von unserm Dichter herübergenommenen Worte: Fl. u. Bl. I, 2209: Quant jou vous ai a mon talent,

Bele amie, nul mal ne sent. Denn Aucassin sagt:

(26,7) Ha douée amie! j'estoie ore mout bleciés en m'espaulle, et or ne sené ne mal ne dolor, pui que je vos ai.